Literaturnobelpreis für Orhan Pamuk
10.01.2007: Ein Gastbeitrag im "Stichel", Stadtteilzeitung für Schöneberg und Tempelhof von Bündnis 90 / Die Grünen.
Von Cem Özdemir
Mit Orhan Pamuk wird erstmals ein türkischer Schriftsteller mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet. Doch nicht seine Herkunft und seine Konflikte mit der türkischen Justiz machen ihn zu einem außergewöhnlichen Preisträger, sondern sein großes literarisches Werk.
In seinen Erzählungen baut Pamuk immer wieder Brücken zwischen Orient und Okzident. Zum einen erzählt er in der Tradition des modernen Romans und verknüpft dies zugleich mit dem reichen Schatz orientalisch-islamischer Dichtung. Zum anderen thematisiert Pamuk immer wieder die Frage nach der schwierigen Identität seines Heimatlandes, das sich selbst als Vermittler zwischen Europa und islamischer Welt begreift. Seine Bücher machen den schwierigen Findungsprozess der "späten" Nation Türkei sichtbar. Sie berühren etliche Themen wie das andauernde Spannungsverhältnis zwischen Religion und Säkularismus. "Lesen wir heute Pamuk, genau und geduldig, verstehen und respektieren wir dieses komplizierte Land, die Türkei mit ihrer großen Geschichte und ihrer großen Kultur", sagte Joachim Sartorius in seiner Laudatio auf den Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2005.
Wenn wir versuchen, das Außergewöhnliche an Pamuks Romanen zu ergründen, sollten wir eines jedoch niemals außer Acht lassen: Im Mittelpunkt stehen Menschen, deren Leben er uns nahe bringt, Geschichten, die des Lesers Phantasie erobern. In diesem Sinne ist Orhan Pamuk ein großer Erzähler.
Zugleich ist Pamuk Staatsbürger seines Landes, der dazu auffordert, sich auch den dunklen Seiten der eigenen Geschichte zu stellen, der weiß, daß eine wirklich demokratische und offene Gesellschaft nicht entstehen kann, wenn Geschichtsschreibung staatlich verordnet oder die Meinungsfreiheit entsprechend eingeschränkt wird. Vor diesem Hintergrund sind seine kritischen Äußerungen zum Schicksal der Kurden und Armenier im Osmanischen Reich bzw. der Türkei zu verstehen, die ihm eine (abgewiesene) Klage wegen "Beleidigung des Türkentums" einbrachten. Pamuk ist überzeugter Befürworter des EU-Beitritts der Türkei. Für ihn geht es hierbei um die Alternative zwischen Frieden und Nationalismus. "So wie ich mir keine Türkei vorstellen kann, die von Europa träumt, so glaube ich nicht an ein Europa, das sich ohne die Türkei definiert" - das ist seine Aufforderung an die Türkei, den Demokratisierungsprozess weiter voranzutreiben. Es ist aber auch zugleich ein Appell an Europa, der Türkei die Tür zu öffnen und die Reformer im Land mit Überzeugung zu unterstützen.
Quelle: Stichel Nr. 191, Dezember/Januar 2006/2007, Stadtteilzeitung für Schöneberg und Tempelhof von Bündnis 90 / Die Grünen.










