Warum Kernkraft Deutschland schwächt

12.07.2009: Seit dem Krümmel-Vorfall ist die Debatte um Atomenergie voll entbrannt. AKW-Anhänger werfen Skeptikern Fortschrittsfeindlichkeit vor. Stimmt nicht, sagt Cem Özdemir: Gerade die Kernkraftwerke gehören ins Technikmuseum!

Seit dem Krümmel-Vorfall ist die Debatte um Atomenergie voll entbrannt. AKW-Anhänger werfen Skeptikern Fortschrittsfeindlichkeit vor. Stimmt nicht, sagt Grünen-Politiker Cem Özdemir: Gerade die Kernkraftwerke gehören ins Technikmuseum.

Sind Grüne und Atomkraftgegner fortschrittsfeindlich und von Empfindsamkeit geblendet? Zum 50. Geburtstag lud das Deutsche Atomforum neulich den Historiker Arnulf Baring zum Festvortrag ein, der in seiner Rede diese These aufstellte.

Baring argumentiert, dass die gesellschaftliche Hegemonie der Atomkraftgegner mit einer grundsätzlich fortschrittfeindlichen Kehrtwende in den siebziger Jahren einhergegangen sei. Schließlich wünscht er sich, dass die heute jüngere Generation, die die Katastrophe von Tschernobyl nicht mehr selbst miterlebt hat, wieder "unvoreingenommen" positiv zur Atomenergie stehe. Die Kolumnistin Cora Stephan folgte diesem Ansatz in einem Beitrag für SPIEGEL ONLINE.

Die Freunde der Atomkraft projizieren ihre Sehnsüchte offensichtlich auf die trügerische Hoffnung, die Aufbruchstimmung der fünfziger Jahre kehre in gleicher Gestalt zurück.

Diese Grundsatzdebatte zum Jubiläum ist spannend. Pikanterweise wird sie von den aktuellen Störfällen in Krümmel völlig in den Schatten gestellt. Denn es geht tatsächlich um mehr als den Streit über eine Hochrisikotechnologie. Die Ölkrise 1973 hat ein tiefes Unbehagen an der Wachstumsideologie und unreflektiertem technologischem Fortschritt als Selbstzweck entfacht. Doch wird heute umgekehrt ein Schuh daraus.

Baring, Union und FDP übersehen, dass die Aufbruchstimmung der fünfziger Jahre in den Laboren und Werkstätten deutscher Ingenieure längst zurückgekehrt ist. Statt vermeintlichen Romantik-Anklängen könnten Baring und Stephan Greentech im Grünen Wahlprogramm finden - wenn sie wollten.

Die Realitäten haben sich in den letzten 50 Jahren verändert. Jüngst haben die Stromkonzerne E.on und Électricité de France der britischen Regierung gedroht: Sie würden nicht in neue Atomkraftwerke investieren, wenn London die erneuerbaren Energien fördere. Denn teure Atomkraftwerke rechnen sich nur, wenn sie rund um die Uhr ihren Strom absetzen können.

Die Herausforderung heute ist, den gewachsenen Bewusstseinswandel hin zu einer kritischen Haltung zur sozial und ökologisch blinden Wachstumsideologie mit den neuen Möglichkeiten für eine andere Wirtschaftsweise zu verbinden. Dabei ist die Energiefrage zentral. Doch anders als vor 30 Jahren haben wir die Möglichkeit, diese Brücke zu bauen, unter anderem mit Hightech - made in Germany. Darüber reden wir Grüne, wenn wir uns mit den Wirtschaftsverbänden oder den Chefs von E.on oder Vattenfall treffen - auch wenn Frau Stephan das nicht glauben mag - sachlich, freundlich und überzeugt.

Die Brände und Kurzschlüsse in Krümmel sind eine Tatsache

Aber man kann nun einmal nicht über Atomenergie reden, ohne etwas zur Technologie selbst zu sagen. Und die Brände und Kurzschlüsse in Krümmel sind eine Tatsache. Was als Errungenschaft moderner Technologie gepriesen wird, ist in Wirklichkeit ein Museumsstück aus dem 20. Jahrhundert. Die sieben ältesten Meiler, darunter Krümmel, gehören abgeschaltet.

Das will auch eine klare Mehrheit von 72 Prozent der Bevölkerung. Nach der Regelung des Atomausstiegs von 2001 können die Reststrommengen der alten Meiler ohne weiteres auf neuere Kraftwerke übertragen werden. Das erhöht die Sicherheit und mindert nicht die Menge an Atomstrom, den die Energiekonzerne nach der Atomausstiegs-Vereinbarung noch bis 2021 produzieren dürfen. Doch eine Laufzeitverlängerung brächte der Atomwirtschaft jeden Tag einen Gewinn von bis zu einer Millionen Euro pro Anlage und bis zu 200 Milliarden insgesamt. Das erklärt die Hartnäckigkeit der Konzerne trotz Unterschrift unter dem Atomausstieg. Innovationsdruck sieht anders aus.

Fortschritt und Innovation sind aus Prinzip nicht im Interesse der Profiteure des Status quo. Das galt für die Energiekonzerne auch in Sachen Atomenergie, als diese vor über einem halben Jahrhundert von großen Teilen der Politik als Fortschrittssignal gefeiert wurde, für die Konzerne aber eine zu große und unsichere Investition darstellte. Die herausragende Entwicklung der erneuerbaren Energien und der Umwelttechnologien in Deutschland sind auch erst durch ordnungspolitische Rahmensetzungen entstanden und nicht zuletzt untrennbar mit dem Atomausstieg von 2001 verbunden.

Unternehmensberater Roland Berger spricht von "first mover advantages": Die globale Entwicklung geht ohnehin in Richtung Greentech, wegen der steigenden Energiepreise und wegen des Klimawandels. Deutschland war in diesem Rennen bislang noch der Igel. Allein bei den umweltfreundlichen Energien halten wir Weltmarktanteile von über 30 Prozent. Trotz Wirtschaftskrise wachsen die Arbeitsplätze dort zweistellig. Warum sollten wir diese Rolle mit dem Hasen tauschen wollen?

Groß angelegte Kampagne der Energiekonzerne

Mit der Hoffnung auf Schwarz-Gelb nach der Bundestagswahl und einer anschließenden Laufzeitverlängerung versuchen die Energiekonzerne seit zwei Jahren mit einer groß angelegten Kampagne die Atomkraft in Deutschland wieder mehrheitsfähig zu machen. Allerdings ohne Erfolg.

Das erste Argument war, Atomkraftwerke sind Klimaschützer. Ronald Pofalla versuchte sogar Atomenergie als Ökostrom zu verkaufen. Doch die Fakten sprechen dagegen. Die Meiler liefern Strom, aber keine Wärme. Pro erzeugter Kilowattstunde Strom werden zwei Kilowattstunden Wärme verschwendet.

Diese Wärme muss anderweitig produziert werden, häufig mit ineffizienten Einzelheizungen auf Öl- oder Erdgasbasis. Effiziente Gas-Blockheizkraftwerke sind daher bessere Klimaschützer als Atomkraftwerke. Und mit gerade einmal sechs Prozent Anteil an der Endenergiebereitstellung tragen die 17 Atomkraftwerke in Deutschland ohnehin nicht wesentlich zur Senkung der CO2-Emissionen bei. Weltweit sind es gar nur 2,5 Prozent.

Nach dem Klimaschutz-Argument kam die "Billigstrom"-Kampagne. Atomkraft sei die preiswerte Alternative zum teurerem Öl. Abgesehen davon, dass man mit Atomstrom nicht heizen kann, hat der Bundesverband der Verbraucherzentrale berechnet, dass bereits der Austausch einer einzigen 60-Watt-Glühbirne durch eine Energiesparlampe einen Haushalt finanziell mehr entlastet als längere Laufzeiten für deutsche Atomkraftwerke.

De facto ist die Atomenergie die einzige Technologie, die nach 50 Jahren auf dem Markt noch Markteinführungssubventionen braucht. Nach einer Studie des deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung wurden bis 2007 gut 40 Milliarden Euro Steuermittel als direkte Subventionen für den Bau, Sanierung und Rückbau von Atomkraftwerken, Forschungsanlagen und Entsorgungseinrichtungen bezahlt. Doch die Gesellschaft deckt nicht nur die fixen Kosten. Auch für die im Schadensfall entstehenden Kosten müssten wir Steuerzahler aufkommen. Wer versichert schon ein hochriskantes Atomkraftwerk und einen Super-Gau?

Dann warnten die Energiekonzerne vor einer vermeintlichen "Stromlücke". Ohne Atom komme es zu einer Unterversorgung in Deutschland. Richtig ist: Es gibt Alternativen jenseits von Verzicht, von denen wir Grüne ehrlicherweise vor 30 Jahren selbst nicht einmal zu träumen gewagt haben.

Atomkraft wird absehbar schlicht nicht mehr erforderlich sein. 15 Prozent des Stroms in Deutschland stammt heute aus erneuerbaren Quellen. Bis 2020 können es 30 bis 50 Prozent sein. Selbst 2007, als zeitweise sieben von 17 deutschen Atomkraftwerken aus technischen Mängeln stillstanden, hat Deutschland noch jede Menge Strom exportiert, allein in 2007 waren es 19 Milliarden Kilowattstunden. Frankreich hingegen, das weitgehend von Atomstrom abhängig ist, muss in heißen Sommern wegen Kühlwassermangels Strom aus Deutschland importieren. Auch der erneute Stillstand von Krümmel hat keine Auswirkungen auf die Strombörse und den Strompreis, der Markt fürchtet hier keine Versorgungsprobleme.

"Energiewende, ja bitte!"

Union und SPD argumentieren auch gerne mit den bedrohten Arbeitsplätzen beim schrittweisen Ausstieg aus der Atomkraft und dem Stopp für neue Kohlekraftwerke. Fakt ist, bereits heute arbeiten über 250.000 Menschen im Bereich erneuerbare Energien, bis 2020 könnten es 650.000 neue sein. Die Atomkraft schafft dagegen nur 30.000 Arbeitsplätze in Deutschland.

Schließlich bleiben bei aller nüchternen Abwägung die Kernfragen Endlagerung und Unfallrisiko. Auch nach 50 Jahren ziviler Nutzung der Atomenergie existiert weltweit kein Endlager. Im Gegenteil, das deutsche Modelllager Asse stellt derzeit das größte Problem dar. Der Salzstock in der Nähe von Wolfenbüttel droht akut in kontaminierter Salzlauge zu ertrinken. Eine Alternative ist nicht in Sicht.

Die Alternative heißt deshalb: Weiter mit Atom oder voll auf erneuerbare Energien setzen! "Atomkraft, nein danke!" heißt heute "Energiewende, ja bitte!" Greentech statt zurück 20. Jahrhundert, das bedeutet intelligente Autos, die als mobile Speicher sowohl mit Strom fahren, als auch selbst welchen produzieren und bei längeren Standzeiten ins Netz einspeisen können. Und es bedeutet zum Beispiel "Desertec", ein deutsches Mega-Projekt in der Sahara, mit dem die Solarenergie den Sprung von der dezentralen Stromproduktion auf dem Dach zur Stromproduktion in großem Stil meistert. Das Jubiläum des atomaren Zeitalters ist in diesem Sinne ein Ansporn für die vor uns liegende Aufgabe zum Beginn des solaren Zeitalters.

Quelle: Spiegel Online, 12.07.2009

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