Das Direktmandat ist keine Utopie mehr
09.09.2009: Cem Özdemir ist in doppelter Mission unterwegs: als oberster Wahlhelfer der Grünen und in eigener Sache. Ein Artikel in der Stuttgarter Zeitung.
Von Jörg Nauke
Exakt 47 Minuten haben die 300 Zuhörer im Gemeindesaal der Michaelskirche in der Stuttgarter CDU-Bastion Sillenbuch warten müssen, bis sie bei der Podiumsdiskussion der Bundestagskandidaten erstmals tosenden Beifall spenden konnten. Der Adressat der Sympathiebekundung war allerdings nicht der Platzhirsch Stefan Kaufmann, sondern Cem Özdemir, und es ging auch nicht um die Rente mit 67, den Bundeswehreinsatz in Afghanistan oder den Ausstieg aus der Atomkraft.
Der Bundesvorsitzende und Grünen-Bewerber für den Filder- und Innenstadtwahlkreis hatte auf die Frage nach Einsparpotenzialen die fünf Milliarden für Stuttgart 21 für entbehrlich erklärt und versprochen: "Das Projekt ist noch nicht durch." Er werde in Berlin für ein Ende kämpfen. Zuvor hatte der Politprofi, der viel besser weiß als die Kandidaten-Neulinge, wie man einen Saal für sich einnimmt, auch den ersten Lacher für sich verbucht, als er den CDU-Mann schulmeisterte: Frau Merkel nenne sich übrigens nicht "Anschela".
Aber Hallo, haben sich am vergangenen Freitag im Viertel um den Hans-im-Glück-Brunnen die Szenegänger gedacht: Die Koteletten kenn" ich doch, da sichere ich mir gleich mal ein Autogramm und einen Schnappschuss mit dem Fotohandy. Während sich viele Bewerber beim Straßenwahlkampf wegen ihres limitierten Bekanntheitsgrads schwertun, muss sich der 43-Jährige, obwohl er in Berlin lebt, nicht groß vorstellen, wenn er seine CEM-Kärtchen mit den zehn Botschaften über Atomausstieg, Verteilungsgerechtigkeit und Integration sowie Stuttgart-21-nein-danke-Bäbber verteilt. Im Gegenteil: Zeitweise kamen sich seine Begleiter im grünen Tross vor, als assistierten sie einem Filmstar. Dabei hat Özdemir bei Horst Schlämmer doch nur eine Nebenrolle gespielt.
Derselbe Politiker steht dieser Tage frühmorgens an den Haltestellen und verteilt Äpfel, trabt abends durchs Skateboardmuseum und informiert sich über die Evolution von Brettern und Rollen oder kämpft in stickigen Sälen mit geschliffener Rhetorik um jede Erststimme. Es scheint tatsächlich so, als sei er in Stuttgart angekommen und den Kampf ums Direktmandat angenommen zu haben. Daran dürfte so mancher Grüne eine ganze Weile gezweifelt haben. In seiner Antrittsrede beim Neujahrsempfang war Stuttgart gar nicht vorgekommen. Nachdem ihn die Partei beim Nominierungsparteitag in Schwäbisch Gmünd gerupft hatte, hätte man sich auch nicht wundern müssen, wenn er das Handtuch geworfen hätte. Doch spätestens seit dem Erdrutschsieg der Grünen bei der Kommunalwahl glaubt auch Cem Özdemir an das Unmögliche, nämlich das Direktticket für den Bundestag ziehen zu können.
Nicht einmal der Umstand, dass 2005 der CDU-Bewerber Jo Krummacher und der außerhalb des Stuttgarter Ostens unbekannte SPD-Kandidat Martin Körner jeweils viermal mehr Stimmen als der Grünen-Kandidat Peter Siller geholt hatten, vermag die Euphorie im Grünenlager zu bremsen. "Bei der CDU herrscht Panik", konstatierte Özdemir vielmehr, nachdem ihm kurzfristig Armin Laschet als Widersacher für ein Streitgespräch über Integration abhanden gekommen war. Der nordrhein-westfälischen Minister hatte sich krankgemeldet. Zuvor solle aber sein Ministerpräsident Jürgen Rüttgers mit Amtskollege Günther Oettinger telefoniert haben.
Der politische Gegner wird auch nicht müde, darauf hinzuweisen, Özdemir mache sich in seinem Wahlkreis rar. Der Bundesvorsitzende verweist darauf, dass sein Arbeitsgebiet ganz Deutschland sei. Nach Sillenbuch kam Mainz, Ludwigshafen und Zweibrücken. Am Montag war er in Berlin, gestern in Oberhausen, Duisburg und Mönchengladbach, heute weilt er in Wuppertal, Solingen, Leverkusen und Köln. Morgen ist er dann wieder in Stuttgart.
Quelle: Stuttgarter Zeitung, 09.09.2009










