Hemd für Hemd

Von Josef Schunder

Gut, dass der Wahlkampf zu Ende geht. Die Hemden werden langsam knapp bei Cem Özdemir. Eines hat er, kleines Missgeschick beim Essen, verkleckert. Das nächste ist bis zum Abend durchgeschwitzt. Deshalb steht der Bundesvorsitzende der Grünen am Montagabend im Café Merlin im Stuttgarter Westen und sagt unter dem Johlen der Zuhörer: "Also, wer von euch noch ein Hemd übrig hätte . . .?" Nach seiner Rede will er nämlich noch eine Kneipentour machen, um Stimmen zu sammeln.

Der Wahlkampf mag, alles in allem, diesmal vergleichsweise dröge sein - der Schweiß fließt trotzdem. Gerade Özdemir hat ein großes Pensum geleistet. Ein Bundesvorsitzender hat in einem Bundestagswahlkampf halt viel zu tun. Heute hier, morgen dort. Die Konkurrenz in Stuttgart nimmt das im Zweifel als Beleg, dass es Özdemir, der Kandidat mit Wohnsitz in Berlin, mit dem Wahlkampf in seinem Stuttgarter Wahlkreis nicht so ernst nehme. Dass er schnell mal lande und dann wieder abschwirre. So, wie er im Fall der Wahl auch das Mandat ausüben wolle. Mehr und mehr hat Özdemir solche Kritiker im Lauf des Wahlkampfs aber Lügen gestraft.

Er hat sich engagiert. Er weiß, warum. Özdemir braucht die Mehrheit der Erststimmen, um in den Bundestag einzuziehen. Eine Absicherung auf der Liste haben ihm die Parteifreunde 2008 verweigert. Auf seiner Homepage trägt der Kandidat freilich inzwischen viel Zuversicht zur Schau, dass das Direktmandat erreichbar sei. Noch besser kann er am Mikrofon die Hoffnung schüren. Wie im Merlin, wo die Grünen nach Technikproblemen doch noch eine Internet Liveschaltung zwischen den Wahlkämpfern Cem Özdemir (Stuttgart), Fritz Kuhn (Heidelberg) und Kerstin Andreae (Freiburg) zustande bringen. Die rund 100 Zuhörer im Merlin beklatschen ihren Kandidaten heftig.

Die Konkurrenten mögen über ihn sagen, was sie wollen - aber er gibt in diesem Wahlkampf nicht den Langweiler. Özdemir hört man zu. Er spricht frei und zelebriert virtuos, was er in vielen Auftritten eingeübt hat. Tenor: Nur die Grünen meinen es wirklich ernst mit dem Abschied von der Atomenergie und der Hinwendung zu erneuerbaren Energien, mit dem Schutz der Bürgerrechte und der Kontrolle der Gentechnik, mit einem besseren Bildungssystem und der Vermeidung von sozialer Separation der Kinder. Das alles mündet in die Aufforderung, lieber das Original zu wählen. Nicht die, die von den Grünen abgekupfert hätten. Bis zuletzt kämpft Özdemir gegen die Giftpfeile der Konkurrenz an, die glauben machen wolle, für die Regierungsbildung sei es unerheblich, wie viel Stimmen die Grünen bekommen. Je mehr Stimmen die Grünen erhalten, kontert Özdemir, desto grünere Politik müssen die anderen Parteien machen. Am nächsten Vormittag kreuzt er schon auf einem Solarboot vorm Atommeiler Biblis, um Front gegen die Atomkraft zu machen. Noch weiß keiner, wie viele Hemden Özdemir an dem Tag wieder brauchen wird.

Quelle: Stuttgarter Nachrichten, 23.09.2009

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