Weiterbildung belohnen

25.06.2009: Die Grünen machen sich für lebenslanges Lernen stark. Bürger und Staat: Jeder soll sein Scherflein beitragen. Cem Özdemir im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau.

Herr Özdemir, nach Ihrer Ausbildung haben Sie die Fachhochschulreife erworben und ein Studium angeschlossen - Sie wissen also, wie wichtig Weiterbildung für die Karriere ist ...

Das stimmt. Vor allem weiß ich, wie wichtig es ist, Abschlüsse nachholen zu können. Für mich war das zum Beispiel nicht so einfach: Da ich keinen besonders guten Realschulabschluss hatte, war mir der Weg auf das Gymnasium versperrt, als ich nach der Berufsausbildung den Wunsch hatte, das Abitur nachzuholen. Blieb die Fachhochschulreife. So konnte ich zwar studieren, hatte allerdings bei den Fächern nur eine beschränkte Auswahl ...

Inzwischen sind Sie Bundesvorsitzender der Grünen. Ihre Partei will lebenslanges Lernen unterstützen. Wie und warum?

Der Gedanke des lebenslangen Lernens ist zwar verbal in der Politik angekommen. In der Umsetzung ist die aktive Politikergeneration aber noch dem Idealbild des väterlichen Ernährers verhaftet, der 40 Jahre im selben Betrieb arbeitet. In Zukunft wird das die Ausnahme sein. Wir brauchen daher völlig neue Modelle für die Aus- und Weiterbildung. Dafür müssen vom Staat entsprechende Mittel bereit gestellt werden. Doch auch der Einzelne muss etwas leisten. Unser Konzept des Bildungssparens schafft für persönliche Weiterbildungswünsche eine Grundlage. Die kommende Generation muss damit aufwachsen, dass sie schon in jungen Jahren Rücklagen für die Weiterbildung schafft. Das Bildungssparen muss für sie so selbstverständlich sein wie das Bausparen für uns und unsere Eltern.

Weiterbildung kostet, vor allem das Modell der Grünen. Die Rede ist von 450 Millionen Euro pro Jahr - das Zehnfache dessen, was die Regierung derzeit für das Meister-Bafög zur Verfügung stellt. Gibt es dafür denn überhaupt finanzielle Reserven?

Weiterbildung zahlt sich auch ökonomisch aus. Es ist vor allem eine Frage des Stellenwertes, den wir der Bildung in einer rohstoffarmen Republik zuweisen, und die wir meiner Meinung nach nicht ausreichend würdigen: Wir sind dringend auf hochmotivierte Leute jeder Altersstufe angewiesen, die bereit sind, sich weiterzubilden und an eine veränderte Arbeitswelt anzupassen. Das sollte der Staat belohnen. Zum Nulltarif ist Weiterbildung nicht zu haben. Wir machen dafür aber konkrete Finanzierungsvorschläge: Die Mittel kommen aus dem Bildungsförderungsgesetz, von Bund und Ländern und dem Bildungssparen. Wir setzen außerdem auf etablierte Strukturen wie die der Verbraucherzentralen. Denkbar sind auch günstige Kredite der KfW.

Die Weiterbildungsprämie - seit 1. Dezember 2008 steht Arbeitnehmern eine jährliche Unterstützung von 154 Euro zu - bezeichnen die Grünen auf ihrer Homepage als "spärlich". Die Große Koalition ist Ihnen also nicht konsequent genug? Was wollen Sie besser machen?

Wir möchten mehr Geld für die Weiterbildung zur Verfügung stellen und die Maßnahmen vom Ursprungsberuf, den man erlernt hat, lösen. Vielmehr muss es die Möglichkeit geben, Kenntnisse in anderen Bereichen zu erwerben. Sei es, weil sich die eigenen Interessen verschoben haben, sei es aufgrund gesellschaftlicher Veränderungen. Wichtig ist auch, dass man Abschlüsse nachholen kann. Absurd ist zum Beispiel folgende Situation: Sie machen den Bachelor, gehen in den Beruf und wollen nach einer Weile den Master machen. Genau dafür ist das System gedacht, nur sind Sie dann unter Umständen zu alt für eine Förderung. Da gibt es Nachbesserungsbedarf.

Sie sind Europa-Abgeordneter: Ist lebenslanges Lernen auch Thema in der Europapolitik?

Ja, und es besteht, zumindest verbal, große Einigkeit. Allerdings liegt die Kompetenz in Sachen Weiterbildung bei den Nationalstaaten. Die Länder der Europäischen Union eint aber die mehr oder weniger starke Veralterung der Gesellschaft und der Mangel an Nachwuchskräften. Die EU sollte Weiterbildung daher zu einem ihrer wichtigsten Themen erklären.

Sie sind bei Facebook aktiv. Haben Sie das Web 2.0 auch für die eigene Weiterbildung entdeckt?

Ja, ich lade mir zum Beispiel Video-Streams der Brown bag lunches herunter. Die haben in den USA Tradition: Während der Mittagspause stellt jemand ein Buch oder eine interessante These vor. Anschließend wird diskutiert. Ich habe das während meiner Zeit in Washington kennengelernt. Jetzt bin ich virtuell dabei und nutze lange Zugfahrten, um mich auf diese Weise weiterzubilden.

Ein Trend in der virtuellen Weiterbildung ist der Einsatz sogenannter Serious Games. Genius, eines von ihnen, rückt den Spieler als Kanzler ins "Zentrum der Macht" - wäre das kein gutes Trainingsfeld für Sie?

Als Vorsitzender einer kleinen Partei ist mir der Weg ins Kanzleramt voraussichtlich versperrt. Aber ich spiele gern und sehe es mir mal an ...

Interview: Andrea Frey

Quelle: Frankfurter Rundschau, 25.06.2009

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