Es geht nicht nur um Struktur, sondern auch um Qualität

01.04.2010: Ein gemeinsamer europäischer Hochschulraum ist nach wie vor ein wichtiges und richtiges Ziel. Aber das erreicht man nicht, wenn man einfach nur auf das Bachelor- und Mastersystem umstellt. Strukturreformen sind wichtig, aber die können nur wirken, wenn zugleich auch die Qualität verbessert wird - und die kommt viel zu kurz. Cem Özdemir im Gespräch mit campusgrün - Zeitung der Grünen und Grün-Alternativen Hochschulgruppen.

Cem, eine Frage bezüglich der Politik unserer Bildungsministerin und deren Studie zum Bachelorstudium vom Februar 2010: Wie schätzt du die Situation an deutschen Hochschulen ein?

Es ist offensichtlich, dass wir an den Hochschulen zahlreiche Baustellen haben, worauf ja auch die Studierenden mit ihren Protesten zu Recht hinweisen. Es geht übrigens nicht darum, dass der Bologna-Prozess als solches ein Problem ist. Das Problem ist vielmehr die schlechte Umsetzung. Und deshalb brauchen wir auch dringend eine Reform der Reform. Die Lage an unseren Hochschulen wäre aber verkürzt dargestellt, wenn wir sie ausschließlich unter dem Stichwort "Bologna" zusammenfassen.

Wie sollte denn deiner Meinung nach eine solche Reform der Reform aussehen?

Ein gemeinsamer europäischer Hochschulraum ist nach wie vor ein wichtiges und richtiges Ziel. Aber das erreicht man nicht, wenn man einfach nur auf das Bachelor- und Mastersystem umstellt. Strukturreformen sind wichtig, aber die können nur wirken, wenn zugleich auch die Qualität verbessert wird - und die kommt viel zu kurz. Die Studierenden müssen besser betreut werden, woanders erworbene Studienleistungen müssen auch anerkannt werden und ein Auslandsstudium darf nicht an einem verschulten und verdichteten Bachelor scheitern, der den Studierenden kaum Freiraum für individuelle Schwerpunktsetzungen lässt. Ein Studium muss auch Freude machen, das ist aber kaum möglich, wenn man von Schein zu Schein gehetzt wird, ohne auch mal in die Tiefe gehen oder abschweifen zu können. Es geht schließlich auch um Persönlichkeitsentwicklung und die Möglichkeit, sich gesellschaftlich engagieren zu können.

Die Universitäten und die Regierung schieben sich ja gegenseitig die Schuld für die mangelnde Umsetzung der Bologna-Reform in die Schuhe. Wie würdest du konkret an eine Verbesserung der momentanen Situation herangehen?

Ich habe den Eindruck, dass die Verantwortlichen begriffen haben, dass sie die Studierenden stärker einbeziehen müssen. Das ist ein erster wichtiger Schritt, da entsteht ein gesunder Druck. Was ich zügig und konkret ändern würde: Die Regierung sollte sich das elitäre, unausgegorene und bürokratische Nationale Stipendienprogramm sparen und das Geld in eine Erhöhung des Bafög investieren. Wenn von 100 Akademikerkindern 83 studieren, aber nur 23 von 100 Arbeiterkindern, dann ist das ein Alarmsignal. Und die Studienfinanzierung spielt hierbei eine wichtige Rolle, ebenso wie Studiengebühren, die wir ablehnen. Was auch ganz schnell auf die Tagesordnung gehört: Die Abschaffung des widersinnigen Kooperationsverbots von Bund und Ländern in der Bildung. Das sieht ja inzwischen selbst die Bildungsministerin so. Besser eine späte Erleuchtung als gar keine. Dann müssen aber auch Taten folgen. Aber grundsätzlich gilt: Wir brauchen mehr Studienplätze und bessere Lehr- und Lernbedingungen - und das kostet Geld. Es führt kein Weg daran vorbei, dass Bund und Länder für eine echte Qualitätsreform stärker als bisher in unser unterfinanziertes Bildungssystem investieren müssen. Es ist eine Frage der Priorität.

Habt ihr denn schon ein konkretes Konzept? Und werdet ihr dazu auch einen Antrag in den Bundestag einbringen?

Die Fraktion setzt sich dafür ein, dass die Bildungsausgaben im Haushalt erhöht werden. Daneben hat sie unter Federführung von Kai Gehring, unserem hochschulpolitischen Sprecher, aktuell verschiedene hochschulpolitische Anträge in den Bundestag eingebracht. Einmal einen Antrag zur Verbesserung der Bologna-Reform, der mit konkreten Punkten dazu auffordert, die soziale Dimension von Bologna zu stärken und die Studierbarkeit der Studiengänge zu verbessern. Da geht es etwa darum, dass es auch möglich sein muss, einen Bachelor in sieben oder acht Semester zu erwerben. Ein anderer Antrag fordert eine bessere und gerechtere staatliche Studienfinanzierung. Ich habe schon erwähnt, dass wir die Mittel für das Nationale Stipendienprogramm besser in eine Erhöhung des Bafög investieren sollten. Mittelfristig müssen wir die Studienfinanzierung aber auf neue Beine stellen und hier schlagen wir zwei Säulen vor: einen elternunabhängigen Sockel und einen Bedarfszuschuss als starker sozialer Komponente.

Quelle: campusgrün - Zeitung der Grünen und Grün-Alternativen Hochschulgruppen, Sommersemester 2010

Aktuelles