Das Problem liegt in bestimmten Lebenswelten

07.06.2010: In manchen Milieus türkischstämmiger und arabischer Migranten wird ein überkommenes Macho-Bild kultiviert, das Frauen degradiert. Das Problem ist nicht die Religion als solches, sondern bestimmte Lebenswelten, in denen patriarchalische Traditionen herrschen und Gewalt in der Familie nicht geächtet ist. Cem Özdemir im Gespräch mit der Neuen Presse Hannover anlässlich der aktuellen Studie zur Gewaltbereitschaft muslimisch sozialisierter Jugendlicher.

Ist der Islam eine Macho-Religion?

Aus dieser Studie einen solch vereinfachten Zusammenhang herzustellen, davor warnt auch der Autor Christian Pfeiffer. Das Christentum ist auch keine Macho-Religion, obwohl in seinem Namen ähnlich wie im Islam auch jahrhundertelang Frauen unterdrückt wurden. Das Problem liegt eher in bestimmten Lebenswelten, an patriarchalischen Traditionen, an Gewalt in der Familie, an fehlender Aufklärung. Das alles aber monokausal auf die Religion zurückzuführen ist zu einfach, schließlich gibt es weit mehr Muslime, die Gewalt ablehnen.

Können Sie diese Studie bestätigen?

Die dort beschriebenen Phänomene sind Realität. In manchen Milieus türkischstämmiger und arabischer Migranten wird ein überkommenes Macho-Bild kultiviert, das Frauen degradiert. Ich thematisiere das auch in meinen Veranstaltungen mit Jugendlichen, in Schulen und in Gesprächen mit Verbänden und Vereinen. Dieses Bild von Männlichkeit raubt Jugendlichen schlichtweg Lebenschancen, sowohl den Jungs als auch den Mädchen, das müssen auch die Eltern begreifen.

Muss es eine bessere Ausbildung für Imame geben?

Die Ausbildung von Imamen in Deutschland an deutschen Universitäten fordern wir schon lange. Die Qualität religiöser Erziehung muss grundsätzlich verbessert werden, auch durch islamischen Religionsunterricht. Nur werden sie damit allein aus Jugendlichen aus bestimmten sozialen Milieus nicht plötzlich zahme Lämmer machen. Die Rütli-Schule in Berlin-Neukölln ist mit gewaltbereiten Jugendlichen in die Schlagzeilen gekommen - und heute ist sie ein beispielhaftes Modellprojekt und zeigt, was als Schule und Bildungsinstitution möglich ist. Das ist bislang leider nur eine Ausnahme, zeigt aber, dass und wie es geht.

Was reizt junge deutsche Muslime an autoritärer Religion?

Manche finden dort offenbar ein Gefühl der Zugehörigkeit, das sie woanders nicht erfahren. Jugendleben hat ja auch viel mit Kultur zu tun und andere kulturelle Zusammenhänge bleiben ihnen offenbar fremd, sie bleiben dann unter sich. Deshalb müssen sie so früh wie möglich kulturelle, ethnische und religiöse Vielfalt erfahren. Sie müssen anerkannt werden, aber auch lernen, andere anzuerkennen. Ich kenne aber auch sehr viele Jugendliche muslimischen Glaubens, die sich als selbstverständlichen Teil dieser Gesellschaft sehen, sich einmischen und etwas aus sich und ihrem Leben machen wollen, ganz unabhängig davon, ob sie streng gläubig sind oder nicht. Genauso wie ich auch Jugendlichen begegne, die als Rechtsextreme und gewalttätige Skinheads in neonazistische Parallelwelten abgleiten.

Muss es Imaminnen geben?

Ich hätte nichts gegen Imaminnen, genauso wie ich nichts gegen Priesterinnen in der Katholischen Kirche hätte, aber das will ich niemandem vorschreiben. Mindestens so wichtig wären männliche Erzieher in Ganztagskindergärten, Polizistinnen, Staatsanwältinnen und Richterinnen mit Migrationshintergrund sowie insgesamt viele erfolgreiche Frauen mit Migrationshintergrund, die anderen Heranwachsenden ein Vorbild sei

Quelle: Neue Presse Hannover, 07.06.2010

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