„Es geht hier auch um Gefühle“
09.09.2010: Sarrazins Thesen, seine Zahlen sind gar nicht das Problem. Die kann man widerlegen. Aber es geht hier auch um persönliche Erfahrungen und Gefühle. Die Debatte kann man nur vernünftig führen, wenn man einräumt, dass es solche negativen Erfahrungen gibt. Erziehungsversagen gibt es aber auch bei Deutschstämmigen, deren Kinder Rechtsradikale werden oder auf sonstige Weise verwahrlosen. Cem Özdemir im Gespräch mit der Passauer Neuen Presse.
Zwei Prozent minus für die SPD in jüngsten Umfragen. Leidet die SPD unter der Debatte um Thilo Sarrazins Thesen?
Özdemir: Die SPD ist offensichtlich von der Integrationsdebatte auf dem falschen Fuß erwischt worden. Ich kann nicht verstehen, warum sie ihr Parteimitglied Heinz Buschkowsky, den Bürgermeister von Neukölln, nicht stärker einbezieht. Er ist unbequem und ich teile bestimmt nicht alle seine Ansichten zur Integration. Aber er will die Situation in seinem Bezirk wirklich verbessern. Eine Trennlinie verläuft ja nicht dort, wo jemand sich berechtigte Sorgen macht, sondern wo biologistische Thesen verbreitet werden. Herrn Sarrazin rechne ich zur letzteren Kategorie, Herrn Buschkowsky zur ersteren.
Die Grünen wollten als Multikulti-Partei Probleme mangelnder Integrationswilligkeit lange Zeit nicht sehen.
Özdemir: Ach was. Rot-Grün hat das neue Staatsbürgerschaftsrecht eingeführt. Es ist wesentlicher Bestandteil der Integration, dass man hier geborene Kinder nicht zu Ausländern macht. Wir haben im Staatsangehörigkeitsrecht aber auch die Erfordernisse für Deutschkenntnisse verschärft und im Aufenthaltsgesetz das eigenständige Aufenthaltsrecht für Frauen eingeführt gerade im Blick auf Frauen, die von ihren Männern verprügelt oder auf skandalöse Weise behandelt werden. Ich habe mich stets für den Kampf gegen Antisemitismus bei Menschen muslimischer Herkunft stark gemacht, für Frauen, die unter Machogehabe leiden müssen, für Bildung. Da muss man dem gelernten Erzieher Özdemir nichts erzählen.
Sie leben in Berlin-Kreuzberg, wo man es mit Integrationsproblemen, Kriminalität und Drogenproblemen zu tun hat...
Özdemir: Da bekommt man gesellschaftliche Entwicklungen hautnah mit sicher besser als ein Bundesbanker, der sich seine Thesen zusammenschreibt. Sarrazins Thesen, seine Zahlen sind aber gar nicht das Problem. Die kann man widerlegen. Aber es geht hier um persönliche Erfahrungen, um Gefühle. Die Debatte kann man nur vernünftig führen, wenn man einräumt, dass es solche negativen Erfahrungen gibt.
Zum Beispiel?
Özdemir: Wenn eine blonde Frau in Neukölln auf der Straße als „Schlampe“ beschimpft wird, ist das ein Problem, das man ernst nehmen muss. Konkrete Probleme verlangen konkrete Antworten. Es gibt ein bestimmtes Machoverhalten, das nicht hinnehmbar ist. Das deutet auf Versagen in Familien. Aber man muss auch darauf hinweisen, dass es sich nicht um die Mehrheit handelt. Und Erziehungsversagen gibt es auch bei Deutschen, deren Kinder Rechtsradikale werden oder auf sonstige Weise verwahrlosen. Der Bundesinnenminister hat Recht, wenn er von 10 bis 15 Prozent Integrationsunwilligen spricht. Aber das trifft doch für die gesamte Gesellschaft zu. Es gibt leider 10 bis 15 Prozent Menschen, die antisemitische, rassistische, fremdenfeindliche Einstellungen haben.
Was tun?
Özdemir: Deutschland, gerade Deutschlands Wirtschaft, benötigt Top-Bildung für alle: Für Menschen mit Migrationshintergrund ebenso wie für sozial über Hartz IV Ausgegrenzte. In der nächsten Generation sollen sie einen besseren gesellschaftlichen Status erreicht haben. Sie müssen so früh wie möglich in die Kindergärten und ein Ausbau von Ganztagesschulen muss gesichert werden. Dazu muss der Bund den Ländern finanziell helfen können. Das Kooperationsverbot muss weg.
Sind Sie für eine Kindergartenpflicht um Deutsch früh zu fördern?
Özdemir: Das muss man tabufrei diskutieren. Aber wir müssen doch überhaupt erst einmal die notwendigen Betreuungsplätze schaffen, damit Eltern überhaupt die Chance haben, ihr Kind in den Kindergarten zu geben. Davon sind wir doch noch weit entfernt.
Sind Sanktionen bei Hartz IV angebracht, wenn ein volljähriges Familienmitglied Deutsch Lernen verweigert?
Özdemir: Der schnelle Ruf nach Sanktionen ist vor allem Ausdruck von Hilflosigkeit und führt nicht zum gewünschten Ergebnis. Viel wichtiger ist, dass wir ausreichend Sprachförderung bei Kindern und Jugendlichen anbieten und mit Nachdruck dafür sorgen, dass diese auch angenommen wird.
Gespräch: Christoph Slangen
Quelle: Neue Passauer Presse, 09.09.2010










