Das Hrant Dink Kriterium

01.02.2008: Beitrag von Cem Özdemir für ein Buch zum Andenken an Hrant Dink: Fahri Özdemir ve Arat Dink (2007): Hrant'a... „Ali topu Agop'a at“. Kırmızı Yayınları. Istanbul.

Wo soll ich überhaupt anfangen? Was soll ich eigentlich erzählen? Mir fällt so vieles ein, wenn ich an Hrant Dink denke.

Etwa als ich ihn gemeinsam mit einem guten Freund in seiner Redaktion bei Agos besuchte und er mir erstmals „Su catlagini buldu“ erzählte – wir waren dermaßen gerührt, dass wir die Tränen nicht halten konnten, gar nicht halten wollten. Er erzählte uns die Geschichte einer Armenierin, die Jahr für Jahr in ihr ehemaliges Dorf bei Sivas fährt, bis sie schließlich dort stirbt. Ein älterer Mann aus dem Dorf ermittelt schließlich über Hrant die Tochter und bittet sie darum, ihre Mutter im Dorf bestattet zu lassen: „su catalgini buldu“ (das Wasser hat seinen Riss gefunden), so der alte Mann. Hrant erzählte diese Geschichte, weil er in ihr die Liebe der Menschen Anatoliens verkörpert fand, die Liebe zum Land und zu den Leuten. Die Liebe, die ihm sein Land Zeit seines Lebens vorenthielt, obwohl er selbst die Türkei, die es ihm so schwer machte, so sehr liebte – und schließlich sein Leben für eine Zukunft der Türkei in Würde und Menschlichkeit gab.

Im Januar 2003 habe ich Hrant erstmals mit Yasar Kemal zusammengebracht. Wir saßen in der Lobby des Ciragan Saray Hotel in Istanbul. Yasar Kemal, der uns immer wieder mit seinem Detailwissen verblüffte, berichtete von der Achtamar Kirche, die er im Rahmen seiner Rundreisen durch den Osten in den 50er Jahren für die Zeitung Cumhuriyet gesehen hatte. Die Kirche war damals für viele eine unwillkommene Erinnerung an eine Zivilisation, deren bloße Existenz selbst in den Steinen völlig ausgemerzt werden sollte. Sie sprachen miteinander, als ob sich zwei Zwillinge, die gleich nach der Geburt getrennt wurden, gerade wieder gefunden hätten. Gelegentlich wendeten sie sich mir zu, um zu erklären, worüber sie gerade redeten. Ich konnte nicht recht verstehen, wie man über solch etwas Schreckliches wie die Vernichtung eines Volkes mit einer geradezu melancholischen Heiterkeit reden konnte. Ich erinnere mich daran, wie Yasar Kemal sagte: „Bu adamlar cok aci cekti“ (Diese Menschen oder dieses Volk hat viel Leid erfahren). Hrant entgegnete: „Vallahi kökümüzü kazdiniz“ (Bei Gott, ihr habt uns die Wurzeln rausgerissen). Ich saß daneben und lernte fürs Leben.

Irgendwann in dieser Zeit muss es auch gewesen sein, als ich ihm gegenüber den Wunsch äußerte, seine Heiligkeit den Patriarchen Mesrop II kennenzulernen. Hrant ließ einen Termin für mich arrangieren und brachte mich mit dem Schiff auf die Prinzeninsel zur Residenz des Patriarchen. Vor der Tür stoppte Hrant plötzlich, er wollte nicht mitkommen. Stattdessen wollte er lieber mit den Kindern in der nahe gelegenen Schule spielen und auf mich warten. Weder wusste ich zu diesem Zeitpunkt, dass er einen Disput mit dem Patriarchen hatte, noch dass er im Waisenhaus aufgewachsen war und Kinder über alles liebte.

Oder soll ich davon erzählen, wie ich im Europäischen Parlament in Straßburg eine Tagung veranstaltete, zu der ich Taner Akcam, Etyen Mahcupyan und auch Hrant eingeladen hatte? Abends saßen wir bei einem Glas Wein zusammen, als er irgendwann meinen Vater, der eigens zur Veranstaltung nach Straßburg angereist war, fragte, wo er denn sein Hemd her habe. Es würde ihm sehr gefallen, sagte Hrant. Heute bereut es mein Vater, dass er sein Hemd damals nicht ausgezogen und Hrant gegeben hatte. Dann hätte er auch etwas von mir gehabt, meinte er. Wie oft hat mich mein Vater seither schon gebeten, das Hemd Hrants Sohn zu geben...

Während der genannten Veranstaltung im Europäischen Parlament wurde Hrant von einem im Publikum sitzenden Vertreter der Armenischen Diaspora auf übelste Weise angegriffen und als „Sklave“ der Türken beschimpft. Schon im Vorfeld der Veranstaltung versuchte der Brüsseler Korrespondent der Hürriyet den Sinn der Veranstaltung ins Gegenteil zu verkehren, indem er das Einladungsplakat, auf dem die türkische und die armenische Fahnen als eine Art Symbol der Freundschaft und Nachbarschaft quasi ineinander gelegt wurden, ins Gegenteil umdeutete. Es war derselbe Journalist, der mich vor Jahren attackierte, als ich erstmals an einem armenischen Gedenkgottesdienst teilnahm. Wer Brücken bauen will, muss immer auch mit denen rechnen, die sie gleich wieder einreißen wollen, lernte ich damals. Meine Wut über all das besänftigte Hrant sogleich. Er ermahnte mich sogar, ich solle doch den ersten Schritt tun und auf den Journalisten zugehen, mit ihm reden. Woher nahm er all diese aufrichtige Gutmütigkeit und Nächstenliebe? Aus seinem Glauben? War es seine Familie, die ihm Halt und Kraft gab? Ich bereue es zutiefst, dass wir zu seinen Lebzeiten so oft über Politik und viel zu selten über all die anderen wichtigen Dinge des Lebens gesprochen haben.

So wie in Straßburg wurde er immer wieder von extrem gesinnten Vertretern der armenischen Diaspora angegriffen, er wurde als Lakai der Türkei bezeichnet, seine armenische Identität wurde regelrecht in Frage gestellt, schließlich lebe er ja im Land der Täter... Und in der Türkei die andere Seite der gleichen Medaille: Prozesse und Angriffe jeder nur erdenklichen Art durch Ultranationalisten und geradezu hasserfüllte Juristen, weil er die Türkei im Ausland angeblich beleidigt habe. Ebenso scherzhaft wie traurig sprachen wir davon, einen „Club der Vaterlandsverräter“ zu eröffnen... Gäbe es einen von Mahatma Gandhi und Martin Luther ins Leben gerufenen Club, dann würde Hrant Dink als bislang exklusiver Vertreter der Türkei dazugehören.

Ich will an dieser Stelle nicht über die Diskussion um Völkermord und dessen Anerkennung eingehen. All dies wird auf die Türkei zukommen, so wie die Sonne an jedem nächsten Morgen aufgeht. Die eigentliche Prüfung für die Türkei und ihre Menschen wird viel radikaler sein. Denn die Frage ist: Werden die kommenden Generationen in der Türkei im Geist von Hrant Dink aufwachsen? Werden ihnen ihre Eltern, Lehrer, Prediger, die Medien und Politiker von Mevlana, Haci Bektas und Yunus Emre erzählen, davon, dass der armenische Christ Hrant Dink deren Werte Tag für Tag gelebt hat? Auch das „Hrant Dink Kriterium“, nicht nur die Kopenhagener Kriterien, entscheiden über den weiteren Weg der Türkei.

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