Der Kampf des Cem

23.09.2009: "Kennsch den?", fragt ein Stuttgarter den anderen mit Blick auf den wahlkämpfenden Grünen- Politiker. Antwort: "Des isch dr' Dschemm." Ein typischer Dialog. Ein Bericht über den Wahlkampf in Stuttgart bei Spiegel Online.

Aus Stuttgart berichtet Florian Gathmann

Diese Wählerin ist durch nichts zu gewinnen. Die alte Dame, sehr gebeugt und mit Stock, hat es eilig, an dem Grünen-Stand vorbeizukommen. In Stuttgart ist die Luft kühl an diesem Septembermorgen, manche der Markthändler hinter dem Rathaus tragen bereits Pullover oder Thermojacken. "Ich habe die Grünen 1968 kennen gelernt", sagt sie auf dem Weg zum Gemüsewagen und klingt dabei ziemlich böse.

Die Grünen wurden Ende der siebziger Jahre gegründet, weshalb Cem Özdemir ihr einen Moment hinterher schaut, und dann lächelt. Zwei Stunden Stuttgarter Straßenwahlkampf - und das ist nun der Höhepunkt des Widerstands gegen ihn und seine Partei. "Es läuft gut", sagt er.

Schon um halb acht stand der Grünen-Politiker zuvor an einer S-Bahn-Haltestelle, in der einen Hand ein geflochtener Korb mit Äpfeln, in der anderen seine Flyer. Die Apfel-Nummer ist ein Renner im Özdemir-Wahlkampf. Seine übliche Frage: "Darf ich Ihnen etwas von den Grünen anbieten?". Meistens darf er. Die einheimischen Bio-Äpfel gehen heute rasch aus, als Nachschub gibt es nur welche aus Südtirol, vom Supermarkt.

"Kennsch den?", fragt ein Stuttgarter den anderen mit Blick auf den wahlkämpfenden Grünen- Politiker. Antwort: "Des isch dr' Dschemm." Ein typischer Dialog.

Cem Özdemir, 43, der im Wahlkreis Stuttgart I das Direktmandat für den Bundestag gewinnen will, ist auf den Straßen der baden-württembergischen Landeshauptstadt nur noch "Cem". So wird er auf den Großplakaten beworben, am Abend zuvor fragte ihn der Moderator bei einer Podiumsdiskussion: "Darf ich Sie eigentlich auch bei Ihrem Nachnamen nennen?" Auf den grünen Polohemden von Özdemirs Wahlhelfern ist in weißen Buchstaben "CEMpion" zu lesen. "Der Zuspruch ist schon der Hammer. Die Leute können ja gar nicht alle lügen", sagt Benjamin Lauber.

Lauber sorgt dafür, dass Özdemir die Äpfel und Flyer nicht ausgehen, dass er seine Termine einhält, dass Journalisten zurückgerufen werden. Und Lauber, ein fixer junger Mann, verteidigt seinen Chef, wenn die eigenen Leute nörgeln. Diesmal ist es eine Grünen-Frau, die sich am Wahlkampf-Stand über den Kandidaten beschwert. "Das ist keine so gute Idee, wenn er hier immer mit dem Telefon rumläuft", sagt sie und zeigt auf Özdemir in seinem eng geschnittenen Cordanzug, der vor einem Schaufenster hin und her tigert, das iPhone am Ohr. "Er ist halt auch Parteichef", sagt Lauber.

Woher soll ein einfaches Grünen-Mitglied auch wissen, dass - in den Wochen vor der Bundestagswahl - die grünen Spitzenleute jeden Tag um viertel nach neun zur Telefonkonferenz verabredet sind?

Die Stuttgarter Grünen erwarten seit der Kommunalwahl im Frühsommer, als die Partei mit gut 24 Prozent stärkste Kraft wurde, eine Menge von ihrem Kandidaten. Özdemir ließ sich nach dem sensationellen Erfolg anstecken - und stieg in ein Rennen ein, das eigentlich schon gelaufen war. Der Sitz im Bundestag, den ihm die Südwest Grünen bei ihrem Listenparteitag im vergangenen Oktober verwehrt hatten, schien plötzlich wieder greifbar: als Direktmandat "Ich werde alle Hebel dafür in Bewegung setzen", sagte er im Juni.

Drei Monate später sitzt der Kandidat im Restaurant "Elysia", auf dem Tisch griechische Vorspeisen, und erzählt ein bisschen vom "Raumschiff Berlin". Die Unrast ist Özdemir anzusehen - zwischen Stuttgart, der Hauptstadt und dem Rest der Republik hin und her hetzend, mit dem Anspruch, es allen recht zu machen. Seiner Partei, die von ihrem Chef maximalen Einsatz im Bundestagswahlkampf fordert. Den erfolgsverwöhnten Stuttgarter Grünen. Und sich selbst. Gewänne der Sohn türkischer Einwanderer den Wahlkreis, wäre er damit nicht nur der erste Grüne nach Hans-Christian Ströbele als direkt gewählter Bundestagsabgeordneter - es würde auch seine innerparteiliche Machtposition enorm stärken.

Ein Parteichef ohne Sitz im Parlament ist ungefähr so stark wie ein Boxer mit gebrochenem Arm.

Das gilt inzwischen auch bei den Grünen. Und dass es Spitzenleute in Özdemirs Partei geben soll, die gerne weiter mit einem lahmen Vorsitzenden arbeiten wollen, macht die Sache für ihn nicht eben leichter.

Im "Elysia" ist die große Politik für anderthalb Stunden weit weg. Es geht um schützenswerte Grünflächen, verhinderte Baugebiete und schädliche Mobilfunk-Masten. Um den langen weißgedeckten Tisch haben sich zwei Dutzend Damen und Herren von Bürgerinitiativen versammelt, die meisten im Rentenalter; diesem Milieu verdanken die hiesigen Grünen einen Teil ihres Erfolgs. Das wohl situierte Bürgertum war bei der Kommunalwahl in Scharen übergelaufen, weil sich Özdemirs Partei um ihre Sorgen am ehesten zu kümmern scheint. Dazu zählt neben dem Einsatz für die Streuobstwiesen der Widerstand gegen "Stuttgart 21", das milliardenschwere Bahnhofs-Projekt.

Auch der Kandidat Özdemir setzt auf dieses Thema, selbst wenn ein Bundestagsabgeordneter Özdemir auf das von CDU und SPD unterstützte Vorhaben nur sehr bedingten Einfluss hätte. Bei frittiertem Ziegenkäse und eingelegtem Tintenfisch sagt er: "Wenn ich das Direktmandat hole, kippt Stuttgart 21."

Einige Minuten später ist Özdemir schon wieder auf dem Weg zum Flughafen.

"Ich bin relativ gelassen", sagt sein Gegenkandidat und schiebt sich ein Stück Schoko Banane in den Mund. "Ich trage ein Hemd für Dr. Stefan Kaufmann" ist auf den Hemden einiger Kellner zu lesen, die im Lieblingslokal des CDU-Politikers bedienen. Kaufmann, 40, sieht in diesen Tagen zwar alles andere als gelassen aus, aber einige Argumente hat der promovierte Jurist schon dafür parat, dass er die Mehrheit der 180.000 Stimmberechtigten gewinnen wird: Die Beteiligung dürfte am 27. September deutlich höher liegen als bei der Kommunalwahl, was den Grünen eher schadet. Dazu kommt, dass der Stuttgarter Kaufmann zwar außerhalb der Stadt ein politischer Nobody ist, aber genau darin seine Chance liegt. "Ich habe seit meiner Nominierung rund 1000 Termine absolviert", sagt er. "Am Ende wählen die Leute stuttgarterisch", nicht einen wie den gebürtigen Bad Uracher Özdemir. Und: Kaufmann könnte davon profitieren, dass sich der Grüne und die SPD-Kandidatin Ute Vogt neutralisieren.

Was sich aus Sicht der Grünen vermeiden ließe - wenn die auf der SPD-Liste abgesicherte Vogt zur Wahl Özdemirs aufrufen würde. Sogar für den Ausgang der Bundestagswahl könnte das Folgen haben, wenn im Gegenzug grüne Kandidaten anderswo im Ländle zur Erststimme für die SPD aufriefen.

So wären einige der CDU-Überhangmandate zu verhindern, die nach Meinung von Experten Schwarz-Gelb zur Mehrheit verhelfen werden.

Aber Vogt macht da nicht mit. "Selbst wenn ich eine Empfehlung für Özdemir abgeben würde, hätte er keine Chance", sagt die SPD-Politikerin. Um 850 Stimmen verfehlte die SPD vor vier Jahren das Direktmandat in Stuttgart-Süd gegen den damaligen CDU-Kandidaten, "für mich spielt sich die Auseinandersetzung zwischen mir und Kaufmann ab". Ute Vogt, 40, einst die Hoffnung der baden-württembergischen Sozialdemokratie, will nach einigen Tiefschlägen wieder in die Bundespolitik, die Landeschefin tritt als Spitzenkandidatin der Südwest-SPD an.

Dafür ist die Badenerin Vogt ins schwäbische Stuttgart gezogen, hat sich hier ein Haus gekauft. "Ich war auf acht, neun Podiumsdiskussionen", sagt sie in ihrem schmucklosen Landesvorsitzenden-Büro, fast nie ei der Grünen-Kandidat dabei gewesen. Auf Özdemir wird Vogt auch bei der Debatte am Abend nicht treffen, der in diesem Moment schon wieder im Flugzeug nach Berlin sitzt.

Er kennt die Vorwürfe. Cem Özdemir tunkt einen Teebeutel in seinen Becher, schaut durch die Glasfront des Cafés in der Stuttgarter Innenstadt, und sagt: "Der Schwabe mag es lieber, wenn einer effizient arbeitet." Özdemir weiß, dass er bürgerlich und modern genug ist, um in beiden Lagern zu fischen. Die Attacken der Konkurrenz würden doch nur eines beweisen: "Die sind total nervös." Der mit ihm befreundete nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet von der Union habe einen gemeinsamen Auftritt abgesagt, weil die Ländle-CDU den Parteifreunden in Düsseldorf gedroht hätte, will Özdemir erfahren haben. "Da ist das Wort Krieg gefallen."

Umfrage-Zahlen, die das oder etwas anderes bewiesen, gibt es keine. "Wir arbeiten total ins Leere", sagt sein Helfer Lauber. Dann baut sich schon wieder die nächste gepflegte Stuttgarterin vor Özdemir auf und säuselt: "Sind Sie der Cem?"

Quelle: Spiegel Online, 23.09.2009

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