Es geht um jede einzelne Stimme

Von ddp-Korrespondentin Tanja Wolter

Stuttgart (ddp). Im Altenwohn- und Pflegeheim "Nikolaus-Cusanus-Haus" in Stuttgart-Birkach mögen sie den Mann mit den markanten Koteletten. Eine betagte Heimbewohnerin schaut ganz verzückt, als sie gefragt wird, wie ihr Cem Özdemir denn gefällt. "Sehr gut", schwärmt sie nach einer Diskussionsveranstaltung mit dem Grünen-Kandidaten in ihrem Wahlkreis Stuttgart I, "er hört gut zu und gibt kompetente Antworten". Für Özdemir könnte die Stimme der alten Dame entscheidend sein. In den letzten Tagen vor der Bundestagswahl kämpft der Grünen-Bundesvorsitzende um jede Erststimme. "Weitersagen, es wird sehr knapp", raunt er beim Abschied auf dem Gang noch einem der Bewohner zu.

Özdemir will im heiß umkämpften Wahlkreis Stuttgart I das erreichen, was bislang in der Geschichte der Grünen nur dem Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele aus Berlin gelungen ist: mit einem Direktmandat ins Parlament einziehen. Einen chancenreichen Listenplatz hatte ihm der baden-württembergische Grünen-Verband bei der Aufstellung der Landesliste für die Bundestagswahl verwehrt. Also hat sich der Parteichef in Stuttgart auf einen reinen Erststimmenwahlkampf eingelassen - seine einzige Chance auf ein Mandat. Seine Gegner: die baden-württembergische SPD-Vorsitzende Ute Vogt, der CDU-Neuling Stefan Kaufmann und der FDP-Politiker Michael Conz. Letzterer gilt als chancenlos, Kaufmann als größter Rivale.

Im Nikolaus-Cusanus-Haus hat Özdemir leichtes Spiel. Es ist ein freies Seniorenheim, in dem viele Anthroposophen ihren Lebensabend verbringen. Im bepflanzten Foyer ist es grün wie in einem botanischen Garten. Es gibt ein Becken mit bunten Fischen, und an den Wänden hängen Aquarelle. Ein Plakat macht auf einen Vortrag über die "Notlage der Bienen" aufmerksam - ökologische Themen sind hier gefragt. Auch Özdemir zieht ein großes Publikum an. Rund 100 Heimbewohner sitzen bei Kaffee und Hefezopf an den Tischen, als der Grünen-Politiker vom Sozialarbeiter Eckehard Rauch als "waschechter Schwabe" begrüßt wird.

"Erscht mal Grüß Gott allerseits", grüßt der im schwäbischen Bad Urach aufgewachsene Wahl-Berliner mit türkischen Wurzeln zurück. Er erzählt eine Anekdote über sein hellblaues Hemd, das er von einer Bedienung ausleihen musste, weil er beim Mittagessen "gekleckert" hat. Doch dann kommt schnell das große Thema zur Sprache, das den Grünen bereits bei der Kommunalwahl im Juni zu einem fulminanten Erfolg in Stuttgart verhalf und auf das auch Özdemir setzt: das umstrittene Bahnprojekt "Stuttgart 21". Einer der Senioren will wissen, "wie dieser ökologische, ökonomische und sozialpolitische Wahnsinn gestoppt werden kann". "Mit ihrer Hilfe werden wir diesen Unsinn stoppen", wirbt Özdemir um die Stimme des Mannes.

Fast eineinhalb Stunden lang wird diskutiert, über das Bahnprojekt, die Atomkraft, und den S-Bahn-Mord von München, über das Gesundheitssystem und die Milchbauern. Ein Heimbewohner, der sich bislang nur "von Gaunern und Halbdackeln" regiert fühlt, begrüßt ausdrücklich die Kandidatur Özdemirs. Dieser erklärt aber dennoch vorsorglich die Begriffe Mehrheitswahl und Verhältniswahl, um jedem Anwesenden die Bedeutung der Erststimme klar zu machen. Wenn man den CDU-Kandidaten Kaufmann nicht wolle, könne die Lösung nur "Konzentration der Stimmen auf mich" lauten, betont Özdemir.

Im Taxi geht es weiter, vorbei an unzähligen Wahlplakaten mit Özdemirs Konterfei und dem Slogan "Ein Schwabe für Stuttgart". 800 dieser Plakate haben seine Helfer aufgehängt. Einige sind übermalt, bei einem hat irgendein Witzbold dem Grünen-Chef Vampirzähnchen ins Gesicht gemalt. Nächste Station ist das afrikanische Restaurant "Harambe". Hier geht es wieder um "Stuttgart 21", genauer um den geplanten Fildertunnel zum Flughafen. Diesmal tritt Özdemir mit zwei Geologen auf. Sie warnen vor der Tunnelbohrung. Das könne enden wie im badischen Staufen, wo sich nach Erdwärmebohrungen der Boden hebt und inzwischen fast die ganze Altstadt bedroht ist.

Auch in dem Restaurant ist wieder jeder Platz besetzt, viele Besucher stehen. "Ich will, dass der 27. September zu einem Referendum über Stuttgart 21 wird", ruft Özdemir in den Raum. Die Erststimme für den Grünen-Kandidaten, das bedeutet auch dieser Satz. Schließlich sind die Grünen die einzigen unter den etablierten Parteien, die das Projekt ablehnen. Bis in die Nacht hinein wird Özdemir weiter für sich werben, bei einer Rede im Internet und wie immer zum Abschluss eines Wahlkampftages bei einer Kneipentour. "Wenig schlafen, viel schaffen", lautet seine schwäbische Devise für den Wahlkampfendspurt.

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