Wirtschaft und Umwelt sind keine Widersprüche, sondern müssen zusammengedacht werden
03.06.2009: Im Gespräch mit der Fuldaer Zeitung geht es um krumme Bananen, zukunftsfähige und generationengerechte Investitionen - und die Kraft von "Wums!"
Den Stempel des Super- Migranten lässt sich Cem Özdemir nur ungern aufdrücken. Er lehnt sich zurück, lächelt und erzählt, dass bei ihm eigentlich gar nicht so viel anders gelaufen ist als bei anderen Kindern mit ausländischen Eltern: "In der Grundschule hatte ich in Deutsch eine Fünf und habe mit meinem portugiesischen Klassenkameraden aus der letzten Reihe Wetten abgeschlossen, wer die meisten Fehler macht." Heute steht der Deutsch-Türke als Bundeschef der Grünen in der ersten Reihe. Und wenn er über "Majo Gomesch von uunserm VfB Stuutgart" spricht, klingt das ungefähr so urschwäbisch wie bei Fußball-Nationaltrainer und Mister Schwabenland Jogi Löw persönlich.
Cem Özdemir möchte nicht den Eindruck erwecken, dass alles, was er in seinem Leben geschafft hat, mit seinen türkischen Wurzeln zu tun hat. Und dennoch: Als Kind eines Fabrikarbeiters und einer Änderungsschneiderin weiß er, was es heißt, in der elterlichen schwäbischen Wohnung keinen Brockhaus stehen zu haben. Beim Thema Bildungsgerechtigkeit wird er energisch, reiht Zahlen und Forderungen aneinander: "Wir können es uns nicht leisten, dass Talente ungenutzt bleiben, nur weil Kinder das Pech haben, in eine arme Familie hineingeboren zu werden", sagt der in Deutschland geborene einstige Hauptschüler, der sein Fachabitur auf dem zweiten Bildungsweg gemacht und später Sozialpädagogik studiert hat.
Neben dem Klimaschutz ist die Bildungspolitik ein zentrales Thema der Grünen im Bundestagswahlkampf: Özdemir, selbst Vater einer dreieinhalbjährigen Tochter, fordert eine Ausweitung der Unter-Dreijährigen-Betreuung, die flächendeckende Einführung der Ganztagsschule und eine Einheitsschule bis Klasse neun. Der gelernte Erzieher bringt die Forderungen auf den Punkt: "Wir brauchen die Kinder früher und wir brauchen sie länger." In der Praxis bedeutet das eine "radikale Reform des Bildungssystems".
Dass diese mit der Union nicht zu machen wäre, ist für Özdemir ein Grund, warum seine "Fantasie nicht ausreicht", um sich eine Jamaika-Koalition nach der Bundestagswahl vorzustellen. Wie diese Absage an Schwarz-Gelb zu der Tatsache passt, dass er einst zu den Gründungsmitgliedern der Pizza-Connection zwischen jungen Abgeordneten der Union und der Grünen in Berlin gehörte? Özdemir lacht und beeilt sich mit der Antwort: "Da waren ja keine Liberalen dabei. Bei den Witzen über die FDP waren wir uns immer einig."
Sollte es im September nicht für Rot-Grün reichen, könnten allerdings jene Liberalen zum Partner in einer Ampelkoalition werden. Wie etwa die Forderung der FDP nach radikalen Steuersenkungen mit den Vorstellungen der Grünen vereint werden soll, darauf hat der Parteichef "noch keine Antwort". Cem Özdemir ist ein Pragmatiker, ein Grüner mit schwarzem Anzug und I-Phone. Nun gelte es erst einmal, im Europa- und Bundestagswahlkampf dafür zu sorgen, dass die Ideen seiner Partei bei den Menschen ankommen, sagt er.
Die Grünen ziehen mit dem Slogan "Wums!" in den Europawahlkampf, das steht für "Wirtschaft und Umwelt - Menschlich und Sozial". Özdemir beschreibt die Kräfte, die "Wums!" entfalten soll: "Die Menschen sollen auf der Straße stehenbleiben und nachfragen, was ,Wums!' ist." Nämlich: "Der Versuch unsere zentrale Botschaft zu vermitteln, dass Ökonomie und Ökologie nicht in einem Widerspruch stehen."
Dass es keineswegs einfach ist, die Bürger für die Brüsseler Politik zu begeistern, weiß Özdemir aus eigener Erfahrung. Die vergangenen fünf Jahre hat er im Europaparlament verbracht. Für ihn tragen auch die nationalen Regierungen Mitschuld an der Europamüdigkeit: "Oft wird so getan, als ob alles Tolle in Berlin und alles Verrückte in Brüssel stattfindet." Dass das nicht stimmt, zeige das Beispiel "Krümmungsgrad der Banane": Hier wäre die EU-Kommission bereit gewesen, die Regeln abzuschaffen und die nationalen Regierungen hätten es nicht gewollt, berichtet Özdemir, der nun nicht mehr für das EU-Parlament kandidiert. Der 43-Jährige ist sich sicher: Wenn sich das Image der Brüsseler Politik verbessern soll, dann "muss die EU stärker durch Köpfe sichtbar werden". In der Praxis bedeute das: Europäische Spitzenkandidaten, ein stärkerer Kommissionspräsident und keine ständig wechselnde Ratspräsidentschaft.
Mit der Ratifizierung des Lissabonner Vertrags würde Teilen dieser Forderungen nachgekommen. Jenes Reformwerk sieht Özdemir als Basis für eine EU, die auch mit 27 oder mehr Mitgliedstaaten handlungsfähig bleibt. Einem möglichen Beitritt der Türkei zum Bündnis steht der "anatolische Schwabe" mit deutschem Pass freilich positiver gegenüber als mancher Konservative. Doch einfach, so verrät Özdemirs Körpersprache, ist die Sache nicht. Er senkt den Kopf, faltet die Verpackung seines Teebeutels zum Quadrat: "Die Türkei hat noch einen langen Weg vor sich. Und die Welt wartet nicht auf sie." Wenn es aber gelinge, das Land einzubinden, habe das eine Signalwirkung für die gesamte arabische Welt. Die Nachricht, die der Westen an Ankara richten soll: "Wir sind nicht gegen den Islam, wir sind gegen Fundamentalismus." Diese Botschaft habe etwa Barack Obama unlängst bei seiner Türkei-Reise ausgesandt. Özdemirs Zwischenbilanz nach knapp 150 Tagen Amtszeit des US-Präsidenten fällt positiv aus: "Er hat es geschafft, die USA wieder zu einem ernst zu nehmenden Verhandlungspartner zu machen. Und er meint es ernst mit dem Klimaschutz."
Mit ihrem Engagement für den Umweltschutz sieht Özdemir die Grünen als Vorreiter einer globalen Bewegung. Und er ist überzeugt, dass Investitionen in diesem Bereich den Weg aus der Wirtschaftskrise ebnen. Der Grünen-Vorsitzende warnt davor, in Deutschland nun "mit dem Füllhorn durch die Republik zu gehen und den Unternehmen, die am lautesten schreien, zu helfen". Im Fall Opel allerdings müsse der Staat helfen. Denn: Gerade die Rüsselsheimer mit ihrem Technologiezentrum engagierten sich für die Entwicklung klimafreundlicher Autos der Zukunft, sagt Özdemir, selbst Fahrer eines VWPolo Blue Motion - ein umweltfreundlicher Wagen, versteht sich, mit einem Verbrauch von 3,9 Litern.
Was das staatliche Engagement gegen die Krise angeht, hat Özdemir ein klares Konzept: "Jede Investition, die wir tätigen, müssen wir daran messen, ob sie etwas für künftige Generationen tut." Diese Botschaft wird der 43-Jährige bis zur Bundestagswahl gebetsmühlenartig wiederholen. Dem Bundestag wird er wohl nicht angehören, weil die baden-württembergischen Grünen ihm einen aussichtsreichen Listenplatz verwehrt haben. "Bedauerlich" nennt Özdemir das, doch seine Miene trübt sich nicht ein. Der Mann, der einst als erster Deutscher mit türkischen Wurzeln in den Bundestag einzog und später über die Bonusmeilenaffäre stolperte, lässt sich nicht beirren. Er passt sich den Gegebenheiten an. Will Özdemir schon kein Super-Migrant sein, so ist er doch zumindest ein Super-Realo.
Quelle: Fuldaer Zeitung, 03.06.2009










