Energiesicherheit ist mehr als Vorsorgungssicherheit
26.09.2008: In einem Beitrag für die Mitgliederzeitschrift von Bündnis 90/Die Grünen "Schrägstrich" befasst sich Cem Özdemir mit Aspekten der Energiesicherheit in Europa und plädiert für einen konsequenten Ausbau der Erneuerbare Energien. Wenn wir von anderen stärkere Anstrengungen zum Klimaschutz fordern, müssen wir durch entsprechende Innovationen voranschreiten.
Die weltweite Energienachfrage wird nach Schätzung der EU-Kommission bis zum Jahr 2030 um 60% steigen. Die Folgen der wachsenden Nachfrage nach fossilen Brennstoffen spüren wir heute schon, die Öl- und Gaspreise erreichen quasi wöchentlich neue Höchststände.
Gegenwärtig importiert die EU ca. 50% ihres Energiebedarfs. Dieser Anteil wird in den nächsten Jahrzehnten weiter zunehmen - wenn wir nicht stärker auf erneuerbare Energien setzen, die Energie effizienter nutzen sowie Energie einsparen. Das ist nicht nur der dringend notwendige Beitrag Europas zum Klimaschutz, sondern wirkt auch der immensen Belastung der Bevölkerung, aber auch unserer Wirtschaft, entgegen.
Wir müssen Alternativen schaffen. Dazu gehört der Ausbau der Stromnetze, damit Windenergie aus der Nordsee und Sonnenenergie aus Nordafrika weitergeleitet und gespeichert werden kann. Wir brauchen effizientere Geräte und Fahrzeuge, damit unsere Wirtschaft weiterhin Exportschlager produziert. Und wir müssen aufklären und informieren. Nur wenn Verbraucherinnen und Verbraucher wissen, welche Wahl sie haben, werden sie eine kluge Entscheidung treffen.
Doch ist Energiesicherheit weit mehr als Versorgungssicherheit. Wir müssen die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen auch deshalb verringern, da wir unsere Energie in einem viel zu hohen Maße aus Ländern beziehen, die bereit sind, Öl und Gas als Druckmittel in internationalen Konflikten einzusetzen. Außerdem muss allein Deutschland bei einem Preis von 130 Dollar pro Barrel jährlich etwa 100 Milliarden Dollar für Ölimporte aufwenden - Geld, das in den Exportländern vermutlich nicht nur in den Ausbau von Schulen und der Gesundheitsversorgung fließt.
Energiesicherheit ist aber auch eine Frage globaler Gerechtigkeit. Für die Entwicklungsländer ist der faire Zugang zu sicherer Energie entscheidend für ihr wirtschaftliches Aufholen. Gerade weil 75% des weltweiten Energieverbrauchs auf die Industrieländer fallen, steht die EU in der Pflicht, den Energieverbrauch noch stärker aus erneuerbaren Energien zu bestreiten. Der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl muss endlich die von den Grünen geforderte Europäische Gemeinschaft für Erneuerbare Energien (ERENE) folgen.
Wenn wir von anderen stärkere Anstrengungen zum Klimaschutz fordern, müssen wir auch durch entsprechende Innovationen voranschreiten und nicht an der veralteten Risikotechnologie Atom festhalten. Wohin etwa mit dem atomaren Müll? Das Endlager Asse zum Beispiel löst sich derzeit im wahrsten Sinne des Wortes in einer radioaktiven Lauge auf. Die Zukunft ist erneuerbar.
Quelle: Schrägstrich, Mitgliederzeitschrift von Bündnis 90/Die Grünen, Ausgabe September 2008










