Bildungsgipfel: Der Elefant kreißte und gebar eine Maus
25.10.2008: Im Interview mit der Heilbronner Stimme äußert sich Cem Özdemir zum Bildungsgipfel der Bundesregierung und zur Abschaltung des AKW Neckarwestheim.
Die Grünen haben Sie bei der Kandidatenaufstellung beschädigt, tut das noch weh?
Cem Özdemir: Ich habe mich nicht darüber gefreut, aber dass man bei einer Wahl auch mal verliert, gehört zur Demokratie dazu. Ich finde es nach wie vor richtig, dass ein Parteivorsitzender im Parlament und nahe an der Fraktion ist.
War der Parteitag ein Zeichen dafür, dass die Grünen sich in der Opposition einrichten, nach links schwenken?
Özdemir: Das würde ich nicht sagen. Meine Rede hat ja sehr viel Applaus bekommen. Aber die Delegierten haben offenbar den Kandidaten für das Amt des Parteivorsitzenden und nicht den Bundestagsabgeordneten beklatscht.
Realos waren im Südwesten immer stark. Zum Realismus bei der Energiefrage gehört, dass durch den Atomausstieg Kohle ausgebaut wird ...
Özdemir: Nein. Fakt ist, dass durch den Ausbau der Kohle die Klimaschutzziele nicht erreicht werden können. Unser Energiekonzept zeigt, dass es für eine sichere Energieversorgung in Deutschland keine neuen Kohlekraftwerke braucht und dass wir zugleich am Atomausstieg festhalten können. Die Antwort lautet: erneuerbare Energien, Energie sparen und Energieeffizienz.
Halten Sie es für möglich, dass der Atomkonsens von einer neuen Koalition im Bund aufgekündigt wird?
Özdemir: Sollten Union und FDP 2009 an die Macht kommen, ist diese Gefahr real, denn sie machen sich zum Büttel der großen Energieversorger. Nur wenn eine schwarz-gelbe Koalition verhindert wird, ist der Atomausstieg garantiert und geht Neckarwestheim planmäßig vom Netz - dafür stehen die Grünen.
In Neckarwestheim wird aus dem Zwischenlager faktisch ein Endlager. Ist Gorleben nicht das kleinere Übel?
Özdemir: Ein Zwischenlager darf nicht als Endlager missbraucht werden. Man muss ergebnisoffen prüfen und Ton, Granit und Salzstock genau untersuchen. Das Austreten der radioaktiven Salzlauge im Versuchslager Asse ist ein Skandal.
Wie bewerten Sie den Bildungsgipfel?
Özdemir: Der Elefant kreißte und gebar eine Maus. Die Länder haben offensichtlich immer noch nicht begriffen, dass Bildung die Zukunftsfrage schlechthin ist. Unsere Position ist: Wir brauchen die Kinder früher (Stichwort frühkindliche Erziehung), wir brauchen sie länger (Stichwort Ganztagsschule) und wir brauchen mehr Qualität. Das bedeutet eine bessere Aus- und Weiterbildung der Pädagogen und auch mehr Lehrer mit Migrationshintergrund.
Sie leisten Ihren persönlichen Bildungsauftrag durch Ihr Türkei-Buch.Wie sind die Reaktionen?
Özdemir: Ich habe mich über die vielen positiven Besprechungen gefreut. Aber meine Hauptzielgruppe sind junge Deutsche und Deutschtürken, die viele Fragen zur Türkei haben. Und über deren Interesse und positive Rückmeldungen, wie etwa hier an der Christiane-Herzog-Berufsschule in Heilbronn, freue ich mich besonders.
Die Fragen stellte Gernot Stegert.
Quelle: Heilbronner Stimme, 25.10.2008








