Weltweit stehen die Zeichen auf Grün

24.06.2009: Cem Özdemir im Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung über den grünen Kompass, Möbel im Außenministerium und seine Kandidatur für den Bundestag in Stuttgart.

Herr Özdemir, mancher in Ihrer Partei wie Winfried Kretschmann träumt schon von Schwarz-Grün. Träumen Sie mit?

Ich träume davon, dass wir Grünen den dritten Platz, den wir bei der Europawahl errungen haben, auch bei der Bundestagswahl halten, dass wir zweistellig werden. Koalitionsdebatten schaffen es nicht in meine Traumwelten.

An die Regierung kommen Sie aber nur mit einem Partner.

Das stimmt, und ich habe nichts dagegen, wenn sich andere darum reißen, unser Partner zu sein. Die SPD schreibt gleich unser Programm vom grünen New Deal ab. Und selbst die Union macht uns Avancen. Zum Teil geht es da drunter und drüber. Doch bei uns ist das anders als bei der FDP. Wir machen nicht alles mit, um an die Macht zu kommen. Wir haben einen inhaltlichen Kompass, wir wollen die Republik verändern, wollen sie ökologischer und gerechter gestalten. Da habe ich inhaltlich von der Union noch keine Vorschläge gehört.

Welche sollen das sein?

Die Streitpunkte sind doch klar: Will die Union die Laufzeiten der Atomkraftwerke nicht mehr verlängern? Will sie wie wir die Klimaerwärmung auf maximal zwei Grad beschränken und deshalb keine neuen Kohlekraftwerke mehr bauen? Will sie das Bildungssystem durchlässiger machen, also in Baden-Württemberg etwa die Trennung der Kinder nach der vierten Klasse aufheben? Dazu höre ich nichts von der Union.

Das klingt nach einer Absage. Auf Ihrem Parteitag haben sie aber nur ein schwarz-gelb-grünes Bündnis ausgeschlossen.

Wir machen das an den Inhalten fest. Mit der Linkspartei, die in einer solchen Krise sagt, wir brauchen nicht mehr, sondern weniger Europa, kann ich mir im Herbst ebenfalls keine Koalition vorstellen.

Die SPD erscheint also als Wunschpartner. Mit dem reicht es doch nur zur Opposition.

Warten wir doch mal ab, wie die Wahl ausgeht. Bei den zwei vergangenen Bundestagswahlen hatten sich Herr Westerwelle und die FDP schon die Möbel im Außenministerium ausgesucht, und jedes Mal hat es nicht geklappt. Wie werden unseren Beitrag dazu leisten, dass es für Schwarz-Gelb nicht reicht.

War es taktisch unklug, dass der Parteitag Schwarz-Gelb-Grün ausgeschlossen hat?

Was heißt hier Taktik? Bei Jamaika hätten wir es doch gleich mit drei Parteien zu tun, welche die AKW-Laufzeiten verlängern wollen: CDU, CSU und FDP; die neue Kohlekraftwerke bauen wollen; mit denen ein Kurswechsel in der Verkehrspolitik wahrscheinlich nicht einmal im Ansatz denkbar ist, weil die Autolobby dann quasi am Kabinettstisch sitzt.

Sie träumen also von Rot-Grün?

Ich träume vom grünen Zeitalter, davon, dass das grüne Lager stärker wird, wie das gerade global der Fall ist. Barack Obama versucht, hier all das nachzuholen, was sein Vorgänger versäumt hat; Südkorea zum Beispiel richtet mehr als 80 Prozent seines Konjunkturprogramms grün aus. Global gesehen kann der Schalter gerade auf Grün umgelegt werden, und die Antreiber dieser Modernisierung sind in Deutschland wir Grünen.

Sie kandidieren in Stuttgart bei der Bundestagswahl für ein Direktmandat. Wie groß schätzen Sie Ihre Chancen ein?

Wir heben nach der Kommunalwahl nicht ab. Ich möchte dafür werben, dass in meiner Person jemand in den Bundestag ginge, der sich klar gegen Stuttgart 21 ausspricht. Ich stehe für das weltoffene Stuttgart, in dem viele Menschen verschiedener Kulturen leben. Ferner ist Stuttgart Autostadt. Dass hier die Grünen stärkste Kraft sind, heißt, dass die Stadt Modellstadt sein kann, um die ökologische Modernisierung in der Automobilindustrie umzusetzen.

Stuttgarter wollen Sie aber nicht sein?

Ich habe meinen Hauptwohnsitz zwar nicht hier, bin aber häufig in Stuttgart und bei meinen Eltern in Bad Urach. Die Stadt will natürlich auch in der Bundeshauptstadt gut vertreten sein. Wenn der hiesige Abgeordnete Vorsitzender der Grünen ist, dann stärkt das auch die Anliegen der Stadt, zum Beispiel und gerade beim Thema Stuttgart 21.

Noch einmal: sind Ihre Aussichten besser als fünfzig zu fünfzig?

Das ist doch alles nur Spekulation. Es gibt eine Menge Arbeit zu tun. Aber es gibt auch eine ernsthafte Chance, für Stuttgart in den Bundestag zu gehen, und die ergreife ich gerne.

Das Gespräch führten Renate Allgöwer, Martin Maria Reinkowski und Michael Trauthig.

Quelle: Stuttgarter Zeitung, 24.06.2009

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