Die pädagogischen Berufe müssen aufgewertet werden
08.08.2009: Das, was vor der ersten Klasse passiert, ist genauso wichtig wie das, was nach der ersten Klasse passiert. Deshalb muss es um eine bessere Ausbildung und auch Bezahlung der Erzieherinnen und Erzieher gehen. Cem Özdemir im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung.
SZ: In der Regel führt eine höhere Ausbildung auch zu einem höheren Gehalt. Was stört Sie daran?
Özdemir: Gar nichts. Das ist wunderbar, denn der Erzieherberuf wird immer wichtiger. Das, was vor der ersten Klasse passiert, ist genauso wichtig wie das, was nach der ersten Klasse passiert. Deshalb muss es um eine bessere Ausbildung der Erzieher gehen.
SZ: Eine Gymnasiallehrerin muss ein mehrjähriges Studium vorweisen, bei einer Kinderpflegerin reichen meist Hauptschulabschluss und Lehre.
Özdemir: Der Erzieherberuf muss mittelfristig ein akademischer Beruf werden, mit einem Fachhochschulstudium zum Beispiel. Es geht mir nicht so sehr um die Bezahlung, sondern darum, dass alle pädagogischen Berufe, egal ob Erzieher, Grundschul- oder Gymnasiallehrer ein höheres Ansehen brauchen.
SZ: Mit Vierjährigen zu basteln und zu singen hat unbestreitbar seinen pädagogischen und sozialen Wert. 17-Jährigen die Quantenphysik beizubringen erfordert aber andere Grundlagen.
Özdemir: Erzieher nehmen immer mehr Aufgaben wahr, die Eltern nicht wahrnehmen können oder wollen. Die Frage, wer später aufs Gymnasium geht, wird bereits im Kindergarten entschieden. Nochmal: Es gehtmir nicht um gleiche Bezahlung, sondern um die Aufwertung des pädagogischen Berufs.
SZ: Eine solche Aufwertung geht nun mal meist mit besserer Bezahlung einher.
Özdemir: Natürlich wird ein Akademiker besser bezahlt als ein Nichtakademiker, deshalb studiert man ja auch. Wir brauchen aber neben einer quantitativen Verbesserung auch eine qualitative, etwa einen besseren Personalschlüssel in Kindergärten. Es kann nicht sein, dass eine Erzieherin 20 Kinder und mehr betreut. Das muss sich ändern. Ich wünsche mir auch mehr Männer als Erzieher und Grundschullehrer, um der Gesellschaft ein anderes Männerbild zu vermitteln.
SZ: Hier spricht der gelernte Erzieher.
Özdemir: Hier spricht der Erzieher, der eine vierjährige Ausbildung absolviert hat, und einer, der oft mit Familien zu tun hatte, in denen ein anderes Männerbild vermittelt wird als das, das wir heutzutage brauchen.
SZ: Die Forderung nach einer besseren, nach einer akademischen Ausbildung von Erziehern ist nicht neu. Das haben schon viele Politiker und Parteien verlangt.
Özdemir: Das, was wir hier diskutieren, ist in anderen Ländern längst selbstverständlich. Dass unsere Kindergärten ausgebaut werden müssen, darüber herrscht wohl Einigkeit. Aber ich habe die Sorge, dass die Ausbaupläne nicht Schritt halten mit der Frage, wo das pädagogische Personal herkommen soll und wie es finanziert wird.
SZ: Viele Kommunen haben schon erhebliche Probleme, die gerade ausgehandelte Tariferhöhung von 120 Euro zu finanzieren.
Özdemir: Daher muss das auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe werden, man kann das nicht allein den Kommunen überlassen.
SZ: Wenn es Ihnen um Gleichheit innerhalb eines Berufsfelds geht, müsste aber auch der gelernte Mechaniker mit dem Diplom-Ingenieur und die Krankenschwester mit der Oberärztin gleichgestellt werden.
Özdemir: Das ist absurd. Es geht hier um einen gemeinsamen Beruf, den Lehrerberuf. Dass man beim Lehrer die Ausbildung entsprechend berücksichtigt, ist sicherlich angemessen, aber nicht nach der Einrichtung, sondern nach der Ausbildung und Qualifikation. Ob jemand in einer fünften Klasse einer Hauptschule oder eines Gymnasiums unterrichtet, kann nicht das Kriterium sein.
SZ: Ein Gymnasiallehrer muss ein Mehr an Qualifikation mitbringen.
Özdemir: Ja, in Sachen Quantenphysik schon. Doch der Lehrerberuf erfordert heute vieles andere mehr.
Die Fragen stelle Viola Schenz.
Quelle: Süddeutsche Zeitung, 08.08.2009










