Wissen und mehr Dialog

01.09.2005: Dem Fundamentalismus entgegentreten, aber den Islam zivilgesellschaftlich verankern. Ein Gastbeitrag von Cem Özdemir für die Zeitschrift "Zeichen" von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V.

Fundamentalistische Gesinnungen finden sich überall dort, wo Menschen ihre Weltanschauungen nicht nur mit absolutem Wahrheitsanspruch vertreten, sondern sich auch einem Dialog und einer kritischen Selbstreflexion verweigern. Dabei sind in der Regel nicht die Weltanschauungen per se fundamentalistisch, sondern ihre Auslegung und Praxis.

So gibt es in den Vereinigten Staaten eine Strömung des Christentums, die gegen Darwins Evolutionslehre kämpft. Diese "Kreationisten" verlangen, dass Darwins Lehre aus den Lehrplänen des Biologie-Unterrichts gestrichen wird. Fundamentalistische Mormonen rechtfertigen die Polygamie und eine diskriminierende Behandlung von Frauen aus dem christlichen Glauben. Und in Paderborn weigern sich fundamentalistische Baptisten, ihre Kinder aus religiösen Gründen auf eine öffentliche Schule zu schicken, weil dort zu freizügig über Sexualität gesprochen werde. All diesen Gruppen ist gemeinsam, dass sie die reine und einzig wahre Auslegung einer Religion für sich beanspruchen und auch jeden Kompromiss ablehnen.

Die Beispiele zeigen, dass Fundamentalismus nicht auf den Islam beschränkt ist. Es gibt einen islamischen, christlichen oder jüdischen Fundamentalismus ebenso wie einen politischen Fundamentalismus. Die Grenzen zwischen Religion und Politik sind dabei oftmals fließend, da zumindest ein Teil der religiös motivierten Fundamentalisten auch die Errichtung einer bestimmten, totalitären Gesellschaftsordnung im Auge haben.

Nichtsdestotrotz gibt es auch unter Fundamentalisten einen folgenreichen Unterschied. In einer Demokratie ist es bereits heikel, wenn Gruppen sich einem offenen Austausch von Argumenten prinzipiell verschließen, zu keinerlei Kompromissen bereit sind oder gar die Verfassung missachten, um ihrer Weltsicht Geltung zu verleihen. Allerdings leiten nicht alle aus der angeblichen Unantastbarkeit ihrer Weltsicht auch die Legitimität ab, ihre Gesinnung mit Gewalt durchzusetzen. Die Bereitschaft zu terroristischen Anschlägen zeigt sich derzeit vor allem beim islamischen Fundamentalismus. Und diese Attacken haben eine neue, selbst im Terrorismus bislang nicht bekannte zerstörerische Dimension angenommen, wie erst kürzlich wieder die Anschläge von London gezeigt haben.

Dieser islamische Fundamentalismus stellt für Deutschland und Europa eine besondere Herausforderung dar. Denn im Visier dieser Fundamentalisten steht die westliche Welt und damit der säkulare Staat, Menschenrechte, Demokratie, Individualismus und ein Pluralismus der Lebensentwürfe. Zugleich leben in Europa mittlerweile geschätzte 15 Millionen Muslime, davon etwa 3,2 Millionen in Deutschland - und spätestens seit den Anschlägen von New York und Washington wird die Integration der Muslime von der Öffentlichkeit kritisch hinterfragt.

Auch in Deutschland leben islamische Fundamentalisten. Demokratische Muslime sind angehalten, sich in ihrem eigenen Interesse von ihnen eindeutig zu distanzieren. Zum anderen sollte die Öffentlichkeit nicht den Fehler begehen, Muslime kollektiv des Fundamentalismus und Terrorismus zu verdächtigen und dabei einen künstlichen Gegensatz zwischen "Deutsch-sein" und "Muslim-sein" heraufzubeschwören.

Zweifellos bedarf die Integration der Muslime in Deutschland einer kritischen Betrachtung - doch zuallererst gilt das für ihre Situation auf dem Arbeitsmarkt und im Bildungsbereich. Nimmt man etwa türkische Migranten, die den Großteil der Muslime hierzulande stellen, stellen wir eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit und einen viel zu hohen Anteil von Jugendlichen ohne Schulabschluss fest. Jede Debatte um Integration sollte sich daher immer auch um die Frage drehen, wie die Bildungschancen der Kinder aus Arbeiterfamilien und solcher aus Migrantenfamilien verbessert werden können, damit sie ihren Platz in der Gesellschaft finden und anderen wiederum als positives Vorbild dienen können. Diskutiert werden sollte auch eine aktivere Demokratieerziehung muslimischer Jugendlicher, die in einem schwierigen sozio-ökonomischen Umfeld aufwachsen, um so jeder Radikalisierung entgegen zu wirken, mitunter muss diese Erziehung auch "gegen" die Elternhäuser erfolgen. Der Ethnologe Werner Schiffauer erinnert zudem daran, dass sich in islamistischen Organisationen nicht nur Unterprivilegierte, sondern gerade auch die besonders gut ausgebildeten Jugendlichen fänden, die sich von der Mehrheitsgesellschaft abgelehnt und nicht anerkannt fühlten.

In Deutschland wurde in den vergangenen Jahren viel über Parallelgesellschaften diskutiert und der angebliche Relativismus der multikulturellen Gesellschaft beklagt. Die multikulturelle Gesellschaft mag für manche tatsächlich ein normatives Statement sein. Gleichzeitig ist sie jedoch zuallererst eine Zustandsbeschreibung weiter Teile Deutschlands. Die Frage ist daher nicht, ob die multikulturelle Gesellschaft gescheitert ist, sondern wie Deutschland und andere europäische Staaten ihre de facto multikulturellen und multireligiösen Gesellschaften auf Grundlage ihrer Verfassungen jeweils gestalten - auf lokaler Ebene, in den Behörden, den Schulen, im Berufsleben etc.

Doch was meint der Begriff der Parallelgesellschaften überhaupt? In Deutschland sind die Viertel, in denen viele Migranten leben, etwa Berlin-Kreuzberg, ethnisch gemischt. Es existieren weder Ghettos noch Parallelgesellschaften mit eigenen quasi-staatlichen Strukturen geschweige denn einem eigenen Gewaltmonopol. Vielmehr handelt es sich bei der Wortschöpfung um einen populistischen Begriff, der suggerieren möchte, dass eine Mehrzahl der Migranten sich von vorneherein bewusst abschottet - soziale und ökonomische Faktoren werden dabei völlig ausblendet.

Sicher gibt es in allen Einwanderungsländern auch Fälle von Abschottungen, in denen Migranten bewusst Beziehungen zu Einheimischen oder zentralen Institutionen der Gesellschaft verweigern. Es sollte allerdings nicht der Fehler gemacht werden, kulturell-essentialistisch zu argumentieren und dabei wichtige soziale und ökonomische Faktoren außer Acht zu lassen. Andererseits darf nicht der Fehler begangen werden, aus falsch verstandenem Multi-Kulturalismus jegliche Form der kulturellen und religiösen Praxis gutzuheißen, die etwa zu Zwangsehen und Ehrenmorden führen. Entscheidend ist vielmehr, dass wir endlich erkennen, dass es zum Zusammenleben der Kulturen und Religionen keine Alternative gibt.

Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für andere europäische Staaten wie Frankreich oder Großbritannien, in denen ebenfalls viele Muslime leben. Diese Staaten zeigen, dass im Umgang mit Muslimen durchaus unterschiedliche Wege gegangen werden können. Während Frankreich nicht nur Lehrerinnen, sondern auch Schülerinnen das Tragen eines Kopftuches verbietet, kennt Großbritannien keine entsprechende Maßnahme. Selbst Polizistinnen dürfen dort ein Kopftuch tragen. Hier wirken unterschiedliche Traditionen und Vorstellungen über das interreligiöse Zusammenleben.

Doch bei allen Unterschieden zwischen diesen Ländern trifft eines für alle zu: Sowohl die dort lebenden Muslime als auch die Mehrheitsgesellschaft müssen auf gesellschaftlicher und lokaler Ebene - denn dort vollzieht sich Integration und Partizipation - den Dialog suchen. Insbesondere müssen die demokratischen muslimischen Organisationen anerkannt und gestärkt werden, da sie den direkten Zugang zur muslimischen Bevölkerung haben und auf diesem Wege vieles erreichen können. Die Muslime wiederum sollten sich gerade in Deutschland bemühen, bei wichtigen Angelegenheiten mit einer Stimme zu sprechen - ohne dabei zwangsläufig ihren Pluralismus aufgeben zu müssen, der im Islam genauso vorhanden ist wie im Christentum und in anderen Religionen. Der Staat kann Muslime bei der Gründung eines gemeinsamen Dachverbandes unterstützen, denn er benötigt einen Ansprechpartner für die Organisation des islamischen Religionsunterrichts in deutscher Sprache an öffentlichen Schulen und die Ausbildung von Imamen an den Universitäten. Es wäre zudem ein wichtiger Schritt, um den Islam in Deutschland zivilgesellschaftlich zu verankern und Fundamentalismus effektiv zu bekämpfen.

Quelle: Zeichen, Zeitschrift von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V., September 2005

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