"Mit Schubladen wie Ossi und Wessi kann ich nicht viel anfangen"

02.09.2010: Cem Özdemir ist Vorsitzender des Jury des von der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb verliehenen „einheitspreises – Bürgerpreis zur deutschen Einheit“. Welche Erinnerungen hat er an das geteilte Deutschland und wie hat er den Fall der Mauer miterlebt? Drei Fragen an den Jury-Vorsitzenden.

Sie wurden 1965 in Bad Urach, in Baden-Württemberg, weit entfernt von Berlin und dem Mauerverlauf geboren. Welche Erinnerungen haben Sie an das geteilte Deutschland und wie haben Sie den Fall der Mauer miterlebt?

Cem Özdemir: Ich war als Jugendlicher noch vor dem Fall der Mauer in Berlin und habe auch den Osten der Stadt gesehen. Dieser Besuch in Berlin war wertvoll, er hat mich für die Teilung sensibilisiert – und den Fall der Mauer habe ich entsprechend als ein schönes, freiheitliches und auch spannendes Ereignis erlebt. Letztlich hat Willy Brandt es treffend beschrieben; „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“.

Wie engagieren Sie sich persönlich für das Zusammenwachsen von Ost und West in Deutschland oder Europa?

Ein wichtiger Schritt ist sicher, nicht in diesen Kategorien zu denken und zu urteilen oder sie zumindest regelmäßig zu hinterzufragen. Mit Schubladen wie Ossis und Wessis kann ich jedenfalls nicht mehr viel anfangen, dafür werden Vorurteile im Alltag doch viel zu oft entzaubert, das gilt ja auch für Migranten, Muslime und Türken. Den Ossi gibt es ebenso wenig wie den Türken. Ich war auch fünf Jahre Abgeordneter im Europäischen Parlament und verstehe mich als tief überzeugten Europäer. Woran ich mich sehr gerne erinnere, sind die Besuche von Schulklassen und die Debatten mit jungen Menschen in Brüssel und Straßburg. Das pflege ich auch weiterhin und freue mich über entsprechende Gelegenheiten wie etwa kürzlich beim Europäischen Jugendparlament in Essen.

Viele Menschen mit Zuwanderungsgeschichte haben in Deutschland den Mauerfall miterlebt. Was denken Sie, welche Bedeutung hat die Deutsche Einheit für Menschen mit Migrationshintergrund?

Sie haben sich gefreut, aber viele waren ebenso auch skeptisch, was jetzt passieren wird. Schließlich ging es um ein neues Deutschland und die Frage, welchen Platz hier Migranten einnehmen werden. Es gab Anfang der 1990er Jahre auch eine Welle der Nationalisierung, es gab Brandanschläge gegen Asylsuchende, die Debatte um die Änderung des Asylgesetzes und nicht zuletzt der Mordanschlag von Rechtsextremen auf das Haus der türkischen Familie Genc in Solingen, bei dem fünf Menschen starben. Diese Ereignisse haben Spuren hinterlassen, auch bei mir. Deshalb geht es heute nicht mehr nur um die deutsch-deutsche Einheit, sondern um eine Einheit, die auch Migranten und Deutsche anderer Herkunft umfasst. Es geht nicht um Leitkultur, sondern um einen Republikanismus, der den anderen als potenziellen Staatsbürger mit Rechten und Pflichten betrachtet – und nicht in erster Linie den Ossi, Wessi, Türken, Juden oder Muslimen sieht. Da haben wir noch einen weiten Weg vor uns, aber ich bin optimistisch, dass wir dieses Projekt der Einheit in Deutschland und Europa erfolgreich gestalten, solange wir uns immer wieder deutlich machen, dass es kein Selbstläufer ist.

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