Wilders will nicht aufklären
04.04.2008: Ein Kommentar von Cem Özdemir in der Tageszeitung Neues Deutschland
Der niederländische Politiker Geert Wilders hat mit seiner Ankündigung, einen islamkritischen Film zu veröffentlichen, monatelang alle nervös gemacht, die noch die Reaktion aufgebrachter Muslime und die diplomatischen Querelen nach der Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen vor Augen hatten. "Fitna" (Zwietracht), so der Titel seines Films, steht nun im Internet, wütende Proteste gab es bislang weder in Europa noch in muslimischen Staaten, wo die Herrscher solche Gelegenheiten durchaus gerne ergreifen, um von inneren Problemen abzulenken. Doch selbst wenn es dazu käme, so müssten wir Wilders’ Recht auf Meinungsfreiheit unmissverständlich verteidigen. Denn Meinungsfreiheit, auch für Andersdenkende, ist das Fundament unserer demokratischen Gesellschaftsordnung.
Das bedeutet aber keineswegs, dass man Wilders’ Film auch gutheißen muss. Er montiert bekannte, aber deshalb nicht weniger eindringliche Bilder von Terroranschlägen, Hasspredigten und antisemitischen Parolen, stellt sie Koranversen gegenüber und unterlegt das ganze mit klassischer Musik. Doch geht es Wilders mit diesem Video nicht um Aufklärung, es ist vielmehr eine wütende Anklage gegen alle Muslime und gerät daher zur Propaganda. Dass etwa 93 Prozent der Muslime, wie eine weltweite Gallup-Umfrage kürzlich ergab, sich gegen Terrorismus aussprechen, kommt im Film nicht vor. Wäre Wilders der Kämpfer für die Freiheit, für den er sich selbst hält, dann würde er seinen Kampf gegen die restlichen sieben Prozent gemeinsam mit den zahlreichen säkularen Muslimen führen, deren Kinder selbst potenzielle Opfer von Anschlägen sind - und sie nicht mit Terroristen über einen Kamm scheren. Wem dies im Kampf gegen den Terrorismus ein Zuviel an Differenzierung ist, dem sei gesagt, dass kein Mensch sich gerne in Schubladen stecken lässt, in denen er nicht einmal seine dreckige Wäsche aufbewahren würde.
Nicht selten kann man den Eindruck gewinnen, dass islamophobe Europäer und islamische Fundamentalisten sich mitunter gegenseitig die Bälle zuspielen. Die Ökonomie der Aufmerksamkeit bringt es leider mit sich, dass in der Öffentlichkeit vor allem extreme Positionen Gehör finden - die wenig hilfreich sind, wenn es darum geht, das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur und Religionen in Deutschland und Europa politisch zu gestalten. Doch genau hierzu sagt weder Wilders etwas noch Ralph Giordano, der in den letzten Monaten ebenfalls durch deutliche Islam-Kritik hervorgetreten ist.
Wenn der Film aufrütteln soll, so stelle ich fest, dass die Probleme in unseren Einwanderungsgesellschaften inzwischen bekannt sind und nicht geleugnet werden. Wer ernsthaft an Aufklärung interessiert ist, der muss vielmehr die kritische Debatte innerhalb des Islam unterstützen und die gemäßigten bis konservativen Muslime stärken, die sich gegen politisch oder religiös motivierte Gewalt aussprechen. Nur eine solche Debatte, die mit und von Muslimen geführt wird, kann dazu führen, dass Erziehungsstile, das Mann-Frau-Rollenverständnis, das Verhalten gegenüber Andersgläubigen und Atheisten hinterfragt werden. Am Ende steht dann vielleicht eine muslimische Version von "Das Leben des Brian", in dem die legendäre Komikertruppe Monty Python religiösen Fundamentalismus verspottet. So ein Film würde tatsächlich Aufmerksamkeit verdienen.
Quelle: Neues Deutschland, 04.04.2008










