"Das deutsch-türkische Verhältnis wird nicht leiden"
24.06.2008: Der zweiundvierzigjährige Politiker drückt Deutschland die Daumen im Halbfinale gegen die Türkei und hofft, dass es hierzulande bald einen türkischstämmigen Nationalspieler gibt. Interview mit der F.A.Z.
Haben Sie sich schon vom Viertelfinale der Türkei gegen Kroatien erholt?
Es ist ja nicht nur ein Spiel, von dem man sich erholen muss. Die gesamte EM ist doch verrückt - nicht nur aus türkischer Perspektive. Das Spiel der deutschen Mannschaft gegen Portugal war großartig, hat mich in den letzten Minuten aber auch Nerven gekostet.
Wem drücken Sie denn am Mittwoch im Halbfinale die Daumen?
Deutschland. Die Jungs und das Trainerteam sind sympathisch, und außerdem hat Michael Ballack es verdient, endlich einen internationalen Titel zu gewinnen.
Es wird ein besonderes Spiel, auch für die mehr als 2,5 Millionen türkischstämmigen Menschen in Deutschland. Was bedeutet diese Partie für sie?
Sie sagen sich: Unsere Jungs können auch was! Darauf sind sie stolz. Und das Team tritt bei der EM auch sympathisch auf. Das war ja schon bei der WM 2002 so. Dann gab es aber eben drei Jahre später diese schlimmen Ereignisse im Spiel gegen die Schweiz. Das war der Tiefpunkt des türkischen Fußballs. Aber daraus haben die Spieler und auch der Trainer gelernt, man muss nur mal schauen, wie sie die Kroaten nach dem Spiel getröstet haben.
Bisher hat man das Gefühl, die Rivalität zwischen Deutschland und der Türkei sei zurückgegangen.
Ja. Ich wohne in Kreuzberg, an vielen Autos sehe ich sowohl die deutsche als auch die türkische Fahne. Die Menschen haben immer weniger Probleme, mit zwei Mannschaften zu sympathisieren. Das ist möglich, weil damit nicht mehr eine Loyalitätsfrage verknüpft wird nach dem Motto: Sag mir, für welche Fußballmannschaft du bist, und ich sag dir, ob du integriert bist. Das ist ein bisschen zu schlicht. Wenn man nach diesem Maßstab urteilte, dann wären Italiener auch niemals gute deutsche Staatsbürger. Genauso wenig wie Griechen oder Kroaten. Aber mit dem Maßstab darf man nicht an Fußball rangehen. In Deutschland sollte man von der Schweiz und Österreich lernen, die türkischstämmige Fußballspieler in ihren Reihen haben.
Warum ist das in Deutschland nicht möglich?
Es fehlt die Identifikation mit der deutschen Nationalmannschaft für türkischstämmige Jugendliche. Das ist ein Resultat der versäumten Integrationspolitik. Man hätte nach der deutsch-deutschen Vereinigung 1989 einen Schnitt machen müssen und sagen sollen: Es ist nicht nur eine Vereinigung zwischen Ost und West, sondern auch eine mit den hier lebenden Migranten. Wir sind nun dabei, die alten Fehler zu wiederholen. Denken Sie nur an den Zwang, dass man sich als Jugendlicher für eine von zwei Staatsbürgerschaften entscheiden muss. Aber auch der DFB hat lange Zeit die Jugendarbeit bei türkischstämmigen Jugendlichen verschlafen. Der türkische Fußballverband hat das genutzt. Selbst wenn sich ein Junge vorstellen könnte, für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen, ist das Thema spätestens dann erledigt, wenn die Verwandten in der Türkei konsultiert werden.
Was könnte Ihrer Meinung nach helfen?
Wir brauchen einen, der über einen längeren Zeitraum für Deutschland beständig spielt und damit auch Vorbild ist (der Berliner Malik Fathi ist dies nicht geworden/die Redaktion). Sobald wir den haben, ist die Messe gelesen. Dann werden mehr Jugendliche folgen. Das muss doch auch möglich sein. Ein Land wie die Schweiz hat doch auch einige türkischstämmige Fußballer - und wir haben keinen. Das kann nicht sein.
Was könnte dieser "Erste" auslösen?
Das würde unsere Gesellschaft normaler machen, schließlich gehören auch die 2,5 Millionen Türkischstämmigen dazu. Spätestens dann wäre für viele Türken die deutsche Nationalmannschaft auch die ihrige. Und für die Deutschen wäre es ein ähnliches Signal wie 1998 in Frankreich, als eine multikulturelle Mannschaft Weltmeister wurde.
Als Aufbruchzeichen hat dieser Erfolg dort schnell seine Wirkung verloren.
Fußball ersetzt nicht Politik, das ist klar. Fußball löst nicht die Probleme der Banlieues und löst auch nicht die Probleme des Schulsystems. Aber Fußball hilft dabei. Fußball ist ein Spiegel der Gesellschaft und zeigt ja auch, dass eine bestimmte Generation und Gruppe von Jugendlichen nicht das Gefühl bekommen hat, dass sie zu Deutschland dazugehören. Das sieht man an Klasnic, an den Kovac-Brüdern, aber auch an Hamit Altintop, der in Gelsenkirchen geboren wurde und am Mittwoch gegen Deutschland spielt, obwohl sich Joachim Löw vielleicht auch über so einen Spieler freuen würde.
Nun fürchten einige Ausschreitungen am kommenden Mittwoch. Sie auch?
Ich hoffe, dass die Fans - unabhängig vom Ausgang des Spiels - einerseits feiern und andererseits die anderen trösten. Man darf nicht vergessen, dass es hier immer noch um ein Spiel geht. Das deutsch-türkische Verhältnis wird unter dem Spiel nicht leiden. Ganz im Gegenteil, es ist auch eine Chance zu zeigen, dass man zusammenwächst.
Kann die Politik vom Fußball lernen?
Die türkische Nationalmannschaft hat der gesamten Türkei vorgemacht, wozu die Türken in der Lage sind. Sie halten sich an die Regeln, geben nie auf und zeigen dem Gegner den nötigen Respekt. Wenn man das überträgt auf die Politik und die Türkei da die gleichen Anstrengungen unternehmen würde, dann müsste man sich viel weniger Gedanken darüber machen, ob es die Türkei in die Europäische Union schafft.
Die Fragen stellte Michael Wittershagen
Quelle: F.A.Z, 24.07.2008
Foto: knipseline/pixelio.de










