"Türkischer Erfolg trägt deutsche Namen"

25.06.2008: Der Grünen-Politiker Cem Özdemir über beflaggte Häuser und die Grenzen des Fußballs. Interview mit dem Südkurier.

Herr Özdemir, hängt an Ihrem Auto eine Fahne?

Nein, da hängt keine Fahne. Das ist CO2-mäßig auch gar nicht so günstig.

Und an Ihrem Haus?

Wir wohnen mitten in Kreuzberg. Es ist eines der wenigen ohne. Links und rechts von uns hängen viele Fahnen. Ich hab’s aber nicht so damit. Was ich aber richtig toll finde: Viele haben deutsche und türkische Fahnen. Ich habe aber auch kein Problem mit den Fahnen - solange sie nicht dazu dienen, andere zu demütigen, sondern aus Freude über das Land aufgehängt werden.

Deutsche und Türken werden aufgerufen, sich gemeinsam zu freuen. Wie soll das denn gehen?

Es ist sehr schwer, sich zu freuen, wenn die eigene Mannschaft verloren hat. Deutsche und Türken sind jedoch so eng miteinander verwoben, dass der Gewinner nach dem Spiel den Verlierer trösten soll. Haben Sie das Spiel der Türken gegen die Kroaten gesehen? Da haben die türkischen Spieler die kroatischen getröstet. Das waren schöne Gesten. Außerdem soll es so sein: Wenn die Türkei ausscheidet, sollte Deutschland das Team der Türken sein. Und umgekehrt.

Erklären Sie uns doch bitte, wie die Türken es geschafft haben, drei Spiele nach Rückstand noch umzubiegen. Solche Fähigkeiten gehören doch eigentlich ins Repertoire der Deutschen?

Diese Fähigkeit trägt auch deutsche Namen: Karl-Heinz Feldkamp, Jupp Derwall oder Christoph Daum. Diese deutschen Trainer haben in der Türkei wichtige Aufbauarbeit geleistet. Wenn türkische Mannschaften verloren haben, haben sie sich zunächst mit den Gegenspielern und dem Schiedsrichter beschäftigt. Trotz der unrühmlichen Ereignisse beim Spiel gegen die Schweiz 2005 in Istanbul, das hat sich geändert und war auch bei der WM 2002 zu beobachten. Oder wie jetzt eben nach dem Kroaten-Spiel, als die Gegner getröstet wurden. Und die deutschen Tugenden greifen mittlerweile auch bei den Türken. Man muss der Mannschaft ein riesiges Kompliment aussprechen, wie sie mit den Sperren und den vielen Verletzten umgeht. Ich würde mir wünschen, in Sachen EU wäre die Euphorie in der Türkei ebenso groß.

Kann der Fußball gesellschaftlich mehr bewirken als die Politik?

Man darf den Fußball nicht überfordern. Die deutsche Nationalmannschaft zeigt, wie sich Versäumnisse der Politik - Stichwort Einbürgerungsrecht - auswirken: Obwohl die Türken den größten Anteil der Nicht-Deutschen stellen, spielt kein Türke dort. Was meinen Sie, wie sich Joachim Löw über einen Hamit Altintop freuen würde? Ich hoffe, dass bald ein Türke den Weg in die Mannschaft findet. Dann gäbe es nur Gewinner: Die türkischen Jugendlichen, die dann ein Vorbild hätten, und die Mannschaft auch, weil natürlich zuerst die Leistung zählt.

Ist das Spiel tatsächlich ein Integrationstest?

Das wird für mich zu hoch gehängt. Ich sehe das ein wenig mit Sorge. Es ist und bleibt Fußball. Man darf da nichts herbeischreien. Hinterher sollen sich Gewinner und Verlierer in den Armen liegen. Das wäre schön.

Eine obligatorische Frage, Herr Özdemir: Wie lautet Ihr Tipp für heute Abend?

Ich denke, dass uns beide Mannschaften Verlängerung und Elfmeterschießen ersparen sollten. Ich tippe auf 2:1 für Deutschland, auch da ich Michael Ballack endlich mal einen großen Titel gönne. Er schießt ein Tor, das zweite Lukas Podolski. Außerdem hoffe ich, dass Mario Gomez endlich die Leistung vom Verein auch in der Nationalmannschaft zeigen kann. Schließlich ist er ein Schwabe so wie ich.

Fragen von Andreas Schuler

Quelle: Südkurier, 25.06.2008

Aktuelles