Koran lässt Architekten freie Hand
12.09.2008: Cem Özdemir war in Augsburg, wo ein Moscheebau die Gemüter erhitzt. Dabei plädierte u.a. dafür, Gotteshäuser - gleich welcher Religion - stärker ins Stadtbild einzugliedern und neue architektonische Formen zu suchen. Ein Artikel aus der Augsburger Allgemeinen.
Von Andrea Baumann
Die Szene vor dem Bauplatz der geplanten Moschee hatte Symbolcharakter: Wie auf Kommando öffneten die Mitglieder der Ahmadiyya-Gemeinde am Mittwochabend kurz nach 19.30 Uhr Styroporschachteln und ließen sich Hühnerbeine, Hackfleischbällchen und Datteln schmecken. Ein gläubiger Moslem darf während des Ramadam erst nach Sonnenuntergang essen und trinken. Hungrig aber wollten sich die Ahmadiyyas die anschließende Infoveranstaltung der Stadtrats-Grünen im benachbarten "Pera Palast" nicht einverleiben. Cem Özdemir, Kandidat für den Bundesvorsitz der Partei, war dazu eigens nach Oberhausen gekommen.
Vor der Diskussion nahmen die Grünen das Baugrundstück schräg gegenüber der Paul-Renz-Sportanlage in Augenschein. "Wir sind ganz bewusst an diesen Ort gekommen, um die Dimensionen zu verdeutlichen", sagte Augsburgs Fraktionschef und Landtagskandidat Reiner Erben, der den Abend mit dem ehemaligen Stadtrat Cemal Bozoglu organisiert hat. Menschen, die hier leben, hätten ein Recht darauf, ihren Glauben auch an einem repräsentativen Ort zu leben. "Wir haben viele Moscheen im Hinterhof", sagt Erben.
Auch die knapp 100 Gläubige starke Augsburger Ahmadiyya-Gemeinde praktiziert ihre Religion noch in einem schmucklosen Gebäude in Pfersee. Ihr Vorhaben, mit dem Bau einer Moschee aus dem Schatten zu treten, hat vor allem in Oberhausen heftige Diskussionen ausgelöst. Von dem zunächst geplanten Minarett hat sich die islamischen Gruppierung mittlerweile verabschiedet, ihre Bauvoranfrage für das Grundstück an der Donauwörther Straße wurde vom Stadtrat abgesegnet. "Wir bereiten gerade den Kaufvertrag vor", sagte Abdullah Uwe Wagishauser, der Bundesvorsitzende von Ahmadiyya. Sein Wunsch sei, heuer noch den Grundstein zu legen.
Aus den Hinterhöfen herauskommen
Für Özdemir ist es "Teil der Integrationspolitik, dass die Moscheen aus den Hinterhöfen herauskommen". "Völlig normal" findet der im Schwäbischen geborene türkischstämmige Europa-Abgeordnete aber auch die Sorgen und Ängste der einheimischen Bevölkerung. "Nicht nur in Augsburg, sondern im gesamten Bundesgebiet sorgen Moscheebauten für Diskussionen", so Özdemir. Er plädiert dafür, Gotteshäuser - gleich welcher Religion - stärker ins Stadtbild einzugliedern und neue architektonische Formen zu suchen. "Im Koran steht nichts über das Aussehen."
Integration bedeutet für den 42-jährigen Politiker auch, sich an die Verfassung zu halten und die Amtssprache zu beherrschen. Gleichzeitig appelliert er an die einheimische Bevölkerung, Menschen nicht auf ihre Religionszugehörigkeit zu reduzieren. Ohnehin repräsentierten die rund 3,5 Millionen Moslems in Deutschland eine "große Vielfalt des Islam". Und nicht jeder Moslem sei streng gläubig, betonte Özdemir.
Quelle: Augsburger Allgemeine, 12.09.2008










