Unsere Leitkultur heißt Grundgesetz
01.06.2008: Im Interview mit Sonntag Aktuell spricht Cem Özdemir über Parallelgesellschaften, bessere Bildungspolitik und Gründe, die für eine EU-Mitgliedschaft einer demokratischen Türkei sprechen.
Sonntag aktuell: Herr Özdemir, hat der tragische Tod des afghanischen Mädchens in Hamburg nicht wieder einmal ein grelles Licht auf die Parallelgesellschaften in Deutschland geworfen?
Cem Özdemir: Es gibt in unserer Gesellschaft offensichtlich Bereiche, in denen sich nicht hinnehmbare Dinge abspielen. Dazu zählen Ehrenmorde und Zwangsehen. Wenn wir aber von Parallelgesellschaften sprechen, dann müssen wir auch den Rechtsradikalismus und die - mitunter tödliche - Vernachlässigung von Kindern nennen.
Ist Bildung so etwas wie ein Allheilmittel?
Bildung ist ein ganz wichtiger Schlüssel zur Chancengleichheit. Wir wissen zum Beispiel, dass vor allem Jungs in Großstädten die Bildungsverlierer sind. Sie versagen häufig in der Schule, während sich die Mädchen gut entwickeln. In vielen Migrantenfamilien kümmern sich zu Hause traditionell überdies die Mädchen um alles, während sich bei den Jungs die falsch verstandene Freiheit oft ins Gegenteil verkehrt.
Die Gesellschaft muss also bei der frühkindlichen Erziehung ansetzen?
Je früher, desto besser, und je länger, desto besser. Früher, das heißt: Kinderbetreuungseinrichtungen ausbauen. Und länger, das heißt: Ganztagsschule. Natürlich geht es dabei nicht nur um Strukturen, sondern auch um die Qualität, etwa in der Ausbildung unserer Pädagogen. Ihre wichtige Arbeit muss auch einen höheren gesellschaftlichen Stellenwert bekommen. Und im Idealfall erfolgt die Erziehung gemeinsam mit den Eltern. Gegebenenfalls müssen aber auch Defizite aufgearbeitet werden, die ihre Ursache gerade im Elternhaus haben.
So ein forderndes Vorgehen war früher nicht unbedingt grüne Mehrheitsmeinung?
Ich weiß aus eigener Anschauung und Erfahrung, wovon ich rede. Ich bin aufgewachsen in einer schwäbischen Kleinstadt, in Bad Urach. Dort habe ich diejenigen Migranten erlebt, die es geschafft, und die, die auf der Strecke geblieben sind.
Gehört zur erfolgreichen Integration nicht auch eine Leitkultur?
Wir haben doch eine: das Grundgesetz. Ein großartiges Buch, man muss es aber auch lesen. Da steht alles Vernünftige drin, was wir zum Zusammenleben brauchen. Mann und Frau sind gleichberechtigt. Im Grundgesetz und in den Folgegesetzen wird außerdem klar geregelt, dass Erziehung gewaltfrei zu sein hat.
Würden Sie die Barrieren zwischen den Schularten gerne einreißen?
Wir sollten die Eltern nach den schmerzhaften Erfahrungen mit der Gesamtschule der 70er Jahre nicht verschrecken. Dennoch müssen wir sie davon überzeugen, dass die Kinder nicht mehr so früh voneinander getrennt bzw. aussortiert werden. Gerade in einer heterogenen Gesellschaft müssen die Kinder länger gemeinsam lernen. Auch die Mittelschicht kann sich keine Gesellschaft der Ghettos wünschen. In der Schule der Zukunft werden die Begabten und Benachteiligten gemeinsam gefördert. Das ist aber kein spezifisches Migrantenthema, das betrifft auch Kinder aus deutschen Arbeiterfamilien.
Wie sieht Ihre Bilanz der Integration aus?
Schwarzmalen war noch nie meine Sache. Das Problem sind oft die Bilder, die man sich voneinander macht. Der typische Muslim oder Türke ist ungebildet, und er und seine Frau haben nicht aus Liebe geheiratet. Wir sollten hin und wieder unsere Klischees hinterfragen, das gilt für alle Seiten. Mein Wunschziel ist der deutsche Staatsbürger türkischer Herkunft. Das, was ich vor Jahren schon mit dem Begriff "anatolischer Schwabe" umrissen habe. Man muss dafür weder seine Muttersprache aufgeben . . .
. . . noch die Religion wechseln?
Nein, man muss auch nicht die Ernährungsgewohnheiten oder den Musikgeschmack ändern. Es geht darum, dass sich jeder, der hier lebt, egal wo er herkommt, ans Grundgesetz hält, Deutsch lernt, seine Kinder unterstützt, eine gute Bildung für sie einfordert und sich um den eigenen Lebensunterhalt kümmert. Dann ist für mich Integration erfolgreich. Sicher, da haben wir schon noch einen Weg vor uns.
Gehört die Türkei wirklich in die EU?
Die Frage ist ja nicht, ob die Türkei heute eintritt. Und auch nicht, ob die heutige Türkei eintritt. Sondern es geht darum, dass eine andere Türkei, die dereinst die Voraussetzungen erfüllt haben wird, dies tun kann. Das muss genau geprüft werden. Dabei geht es aber nicht nur um Gesetze, sondern dass diese auch mich Leben erfüllt werden.
Was sagen Sie all denen, die vor einem EU-Mitglied Türkei Angst haben?
Ich kann die Ängste sehr gut verstehen, manche teile ich auch. Aber was ist die Alternative? Liegt es in unserem Interesse, dass die Türkei sich in Richtung Russland oder Iran abwendet? Oder muss man sich nicht vielmehr eine demokratische Türkei wünschen, wo die Rechte von Frauen und von Minderheiten wie Christen, Kurden, Schwule und Lesben respektiert werden. Die Chance besteht, wenn die Türkei auf dem europäischen Gleis bleibt und wir sie ehrlich und kritisch begleiten.
Sprechen wir hier über eine Zeitspanne von fünf oder 15 Jahren?
Angesichts der Größe des Landes sprechen wir von mindestens einer Dekade. Jeder Deutsche, jeder Europäer muss ein vitales Interesse daran haben, dass die Türkei sich nach Westen orientiert. Übrigens aus unterschiedlichen Gründen, ob Menschenrechte, Energiesicherheit oder Terrorismusbekämpfung. In der islamischen Welt stärken wir damit außerdem die gemäßigten, aber dennoch einflussreichen Kräfte.
Das Gespräch führte Andreas Braun.
Quelle: Sonntag aktuell, 1.Juni 2008










