Problemkieze brauchen die besten Schulen

19.10.2008: Bei der Frankfurter Buchmesse stellt Cem Özdemir sein Jugendbuch vor: "Die Türkei - Politik, Religion, Kultur". Die Jugendreporter Mareen Unbereit, Roya Abdoullaeva und Melis Özdemir sprachen mit ihm über sein Buch, Schulen in Deutschland und die Situation von Migranten. Ein Interview in der Berliner Morgenpost.

Mareen, Roya & Melis: Unser Lieblingssatz in ihrem Buch heißt: "Wer in die EU will, muss in der Küche helfen."

Cem Özdemir: Das werden wahrscheinlich nicht alle so sehen…

Mareen, Roya & Melis: Für wen haben Sie das Buch geschrieben?

Cem Özdemir: Für alle, die 1000 Fragen zur Türkei haben und keine richtigen Antworten darauf bekommen. Ich habe nicht für alle Fragen fertige Antworten, sondern ich versuche, ein bisschen Verständnis zu wecken für die, die eine andere Meinung haben und dafür, warum sie diese Meinung haben. Die Türkei ist faszinierend, aber mitunter auch widersprüchlich. Und das versuche ich auch an Hand von vielen wahren Beispielen zu erklären, die das Buch lebendig machen. Ich würde mich freuen, wenn ihr darin zusammen mit Euren Lehrern das eine oder andere findet, was Ihr auch im Unterricht verwenden könnt. Dann hätte das Buch seinen Zweck erfüllt.

Mareen, Roya & Melis: Welchen Rat geben Sie Menschen mit türkischem Migrationshintergrund hier in Deutschland?

Cem Özdemir: Sich nicht in einem Zwischendrin-Stadium einzurichten. Ich finde es falsch, wenn einige so tun, als seien sie hier quasi nur in der Diaspora. Manche haben hier sogar das Gefühl, sie würden sich auf Feindesterritorium bewegen. Das halte ich für völligen Quatsch. Wenn man hier auf Dauer lebt, wenn man hier geboren ist oder auch - wie die Generation meiner Eltern - seit über vier Jahrzehnten hier ist, dann gehört man dazu. Das sage ich sowohl den Jugendlichen als auch der so genannten Mehrheitsgesellschaft. Es gibt ein paar Dinge, die wir zusätzlich haben. Die Muttersprache, manchmal auch eine andere Religion, wenn wir denn überhaupt religiös sind. Aber wir sind ein Teil der Gesellschaft. Wir sind Inländer. Was dies dann im Alltag heißt, muss jeder für sich selber ausmachen. Aber es macht natürlich einen Unterschied, ob ich mich als Teil dieser Gesellschaft begreife, sie mitgestalten möchte und Chancen einfordere oder so tue, als sei ich quasi auf der Durchreise.

Mareen, Roya & Melis: Welche Spielregeln gibt es?

Cem Özdemir: Ja, es gibt natürlich Spielregeln, die für alle gelten. Man muss sich an die Gesetze halten, an die Verfassung, und es hilft natürlich, wenn man die deutsche Sprache gut beherrscht. Wie soll man sonst auch Fuß fassen? Aber alles, was über solche Spielregeln hinausgeht - also etwa, wie man sich anzieht, welche Muttersprache man spricht, an wen man glaubt oder wie man sich ernährt: Das sind Dinge, die muss jeder für sich selbst entscheiden. Es gibt zunehmend binationale Ehen, also Ehen zwischen Deutschen und Nicht-Deutschstämmigen. Da kann zum Beispiel die Frage auftauchen, ob man das gemeinsame Kind tauft oder nicht. Schon bei der Eheschließung kann die Frage kommen, nach welchem Ritus man sie vollzieht? Diese Fragen kann einem niemand abnehmen und da hilft im Prinzip nur, dass man sich seiner vergewissert und überlegt, was passt zu unserem Leben am besten.

Mareen, Roya & Melis: Was muss die Schule in Deutschland anders machen?

Cem Özdemir: Wir brauchen mehr Chancengerechtigkeit, gerade da hakt es sehr in unserem Bildungssystem. Das zeigen ja auch etliche Studien. Dabei geht es vor allem um den Bildungserfolg von Arbeiterkindern, und damit sind Kinder aus deutschen und aus Migrantenfamilien gemeint. Wir brauchen die Kinder früher - Stichwort frühkindliche Einrichtungen für unter Dreijährige - und wir brauchen die Kinder länger - Stichwort Ganztagesschule. Damit meine ich eine richtige und gute Ganztagesschule, in der die Kinder und Jugendlichen ohne Hausaufgaben nach Hause gehen können. Dann würde sich die Tatsache, dass die einen Kinder zuhause eine lange Bücherwand haben und aus Akademikerfamilien stammen und die anderen aus einem bildungsfernen Elternhaus kommen, nicht so stark auswirken. Was mindestens genauso wichtig ist: Auch die Qualität der Bildungseinrichtungen muss sich verbessern. Unsere Lehrer und Erzieher verdienen eine bessere Ausbildung und auch die Fortbildung müsste intensiviert werden. Und gerade in den Stadtteilen, wo soziale Probleme gehäuft auftreten, müssen die besten Schulen sein, die besten Kindergärten.

Mareen, Roya & Melis: Warum?

Cem Özdemir: Damit die Mittelschicht dort nicht wegzieht. Das gilt auch für die Mittelschicht mit Migrationshintergrund. Es ist besser, wenn die Mischung in den Stadtteilen erhalten bleibt. Dann entstehen auch Freundschaften zwischen einem Kind aus einer Facharbeiterfamilie und einem Kind, dessen Eltern Akademiker sind. Ich bin selbst so aufgewachsen und es hat mir nicht geschadet, wenn die Eltern meiner deutschen Freunde auch mich nach den Hausaufgaben gefragt haben.

Mareen, Roya & Melis: Wie kann man türkische Eltern stärker für eine Zusammenarbeit mit der Schule gewinnen?

Cem Özdemir: Die Einbeziehung der Eltern ist sehr wichtig. Da gibt es ja auch schon ganz spannende Modelle, wenn man die Eltern in ihrer Muttersprache anspricht, wenn sie kaum Deutsch können, oder in den Kindergärten Sprachkurse anbietet. Schule muss insgesamt mehr sein als nur ein Lernort, sie muss ein Lebensort werden, ein Ort, wo auch Eltern ihren Platz haben. Aber es gibt leider auch Fälle, wo Eltern sich nicht genug kümmern um das, was in der Schule stattfindet. Entweder fehlt ihnen das Wissen oder sie sind schlichtweg überfordert. Im Idealfall muss es mit den Eltern zusammen gehen. Im Konfliktfall bedauerlicherweise gegen die Eltern. So oder so kann es nicht sein, dass das Kind oder der Jugendliche den Preis bezahlt dafür, dass das Elternhaus das Kind vielleicht nicht genügend unterstützt. Da muss der Staat einspringen, in dem er seinen Bildungsauftrag ernst nimmt. Das geschieht in Deutschland eindeutig zu wenig. Wie viele Albert Einsteins entgehen dieser Gesellschaft, weil sie nie eine Chance haben, ihr Potenzial voll auszuschöpfen?

Mareen, Roya & Melis: Warum ist die Zusammenarbeit mit türkischen Eltern oft so schwer?

Cem Özdemir: Das kann mehrere Gründe haben: mangelnde Sprachkenntnisse, zu wenig Informationen über unser Bildungssystem und mancher meint vielleicht auch, der Staat werde es schon richten. Vieles könnte man auffangen, indem man die Eltern besser einbindet und das auch einfordert. Das Schulsystem ist auch nicht gerade einfach, nicht gerade übersichtlich. Und nicht gerüstet für eine hochkomplexe Gesellschaft wie die heutige. Und doch: Hier kann jeder umsonst auf die Schule, das ist nicht überall auf der Welt so. Also muss man sich auch selber anstrengen und das Beste daraus machen. Niemand wird einem einfach so den roten Teppich ausrollen! Sondern man muss, und das ist eben so in Einwanderungsgesellschaften, als Migrant immer mehr leisten, um Erfolg zu haben. Das verstehen am besten Frauen, denn für die galt es ja auch lange Zeit und ist teilweise noch immer so.

Mareen, Roya & Melis: Warum ist die Türkei so intolerant anderen Religionen gegenüber?

Cem Özdemir: Ich würde nicht sagen, dass die Türkei per se intolerant ist. Aber es stimmt leider, dass viel an multikulturellem Leben verloren gegangen ist. Dazu haben einerseits der Nationalismus in seinen verschiedenen Facetten und auch der religiöse Fanatismus beigetragen. Heute sind nur ungefähr ein Prozent der Bevölkerung keine Muslime und das zeigt, dass die Türkei viel an Reichtum verloren hat. Das ist sehr bedauerlich und die Annäherung an die EU muss auch einhergehen mit einer Anerkennung der Rechte von ethnischen und religiösen Minderheiten wie etwa Christen.

Mareen, Roya & Melis: Wie türkisch/moslemisch gestalten Sie die Erziehung Ihrer Tochter?

Cem Özdemir: Ich komme aus einer muslimischen Familie und meine Frau aus einer katholischen. Insofern wollen wir einfach, dass sie das alles mitbekommt, dass sie das alles erfährt und sich dann selber eine Meinung bildet. Wir wollen ihr das nicht aufzwingen, sondern möchten, dass sie selber eine Chance hat, die Kultur als Bereicherung zu erfahren. Bei uns steht auch nicht so sehr die Religion im Mittelpunkt, sondern Werte, die wir damit verbinden. Und Toleranz ist auch hier ein gutes Stichwort.

Mareen, Roya & Melis: Warum sollte die Türkei EU-Mitglied werden?

Cem Özdemir: Die Türkei ist noch ein gutes Stück davon entfernt mitgliedsfähig zu sein. Sie hat schon einiges umgesetzt, muss aber noch eine Menge tun. Aber wenn sie die Voraussetzung erfüllt, dann spricht auch nichts dagegen, dass sie Mitglied wird, denn dann reden wir über eine andere Türkei und nicht über die heutige. Dann müssen nicht nur Mann und Frau gleichberechtigt sein, es bedeutet auch, dass es keine Zwangsehen mehr gibt. Und es bedeutet auch, dass in der Schule eines Tages neben der Amtssprache Türkisch beispielsweise auch die anderen im Land verbreiteten Sprachen unterrichtet werden können, ich denke dabei nicht zuletzt an Kurdisch.

Mareen, Roya & Melis: Sie kandidieren bald für den Bundesvorsitz der Grünen. Wie denken Sie über grün-schwarze Koalitionen?

Cem Özdemir: Ich bin kein Freund von verfrühten Koalitionsdebatten. Die Grünen gehen als Grüne in die Auseinandersetzungen, bei uns steht "grün" vor und hinter dem Bindestrich, da geht es nicht um Schwarz-Grün und Rot-Grün oder sonst irgendwas, sondern um Grün-Grün! Wenn es denn die Möglichkeit einer Regierungsbeteiligung geben sollte, werden wir das auf der Basis unseres Programms, konkreten Projekten und der Zuverlässigkeit des Koalitionspartners entscheiden. Im Einzelfall kann es eine Entscheidung für Schwarz-Grün geben, wie in Hamburg. Es wird aber vermutlich auf Bundesebene eher so sein, dass uns die SPD in Fragen wie der Bildungs- und Sozialpolitik oder der EU-Erweiterung näher steht als die CDU. Aber wer bin ich, dass ich sagen könnte, wie es in ein paar Jahren sein wird? Auch die Konkurrenz kann ja dazu lernen! Sie muss nur aufmerksam unser Programm studieren.

Die Fragen stellten areen Unbereit, Roya Abdoullaeva und Melis Özdemir.

Quelle: Berliner Morgenpost, 19.10.2008

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