Unsere Kinder sollten auch mit anderen Kulturen und Religionen vertraut sein
05.04.2009: Cem Özdemir im Gespräch mit der in Hamburg und Schleswig-Holstein erscheinenden Evangelischen Kitazeitung
Sie haben eine Ausbildung als Erzieher an der Evangelischen Fachschule für Sozialwesen in Reutlingen gemacht. Wie haben Sie die Zeit an der Hochschule erlebt? Sind sie dort mit einem christlichen bzw. evangelischen Profil in Berührung gekommen?
Die Ausbildung zum Erzieher habe ich in Freudenstadt am Oberlinhaus gemacht, einer ebenfalls evangelischen Einrichtung. In Reutlingen habe ich dann Sozialpädagogik studiert. Ich fand den evangelischen Religionsunterricht immer schon interessant und entsprechend gehörte er auch zu meinen besseren Fächern. Die Toleranz und Offenheit der meisten Christen in meiner Umgebung hat mein Weltbild sicher geprägt und erklärt, neben der Erziehung meiner Eltern, warum ich mich auch stark für die Religionsfreiheit für Christen in der Türkei einsetze.
Sollen in Kitas überhaupt religiöse Fragen aufgegriffen werden? Was halten Sie von der Forderung nach dem Recht des Kindes auf Religion?
Wenn es ein Recht des Kindes auf Religion gibt, dann natürlich auch ein Recht des Kindes auf keine Religion. Analog dazu gibt es schließlich die positive und negative Religionsfreiheit. Doch ganz unabhängig davon begrüße ich es, wenn in Kitas religiöse Fragen behandelt werden, auch wenn diese religiöse Bildung nicht zwingend bekenntnisorientiert sein muss, sondern den ethischen, historischen oder kulturellen Aspekt in den Vordergrund stellt. Es schadet sicher nicht, wenn die Kinder wissen, warum wir Weihnachten oder Ostern feiern, schließlich feiern inzwischen ja auch viele Menschen muslimischer Herkunft und selbst Atheisten mit. Umgekehrt würde ich mir natürlich auch wünschen, dass unsere Kinder etwas über muslimische und jüdische Feiertage erfahren.
Soll in Kitas interreligiös gearbeitet werden d.h. sollen Kinder dort Menschen mit unterschiedlichen Glaubensrichtungen kennen lernen?
Das ergibt sich bereits aus dem Alltag zahlreicher Kitas, die von Kindern unterschiedlicher Muttersprache, Herkunft und auch Religion besucht werden. Es ist daher sicher eine wichtige Aufgabe der Erzieherinnen und Erzieher, die Kinder auch mit jeweils anderen Religionen und Kulturen vertraut machen. Das ist eine pädagogische Herausforderung und wir müssen diese wichtige Arbeit gesellschaftlich auch mehr wertschätzen. Denn darin liegt ja auch eine Chance. Diese Kinder werden unser Land später einmal prägen. Und dass sie dies gemeinsam tun, dafür kann die Grundlage bereits im Kindergarten durch interreligiöse oder interkulturelle Pädagogik gelegt werden.
Haben Sie selbst Erfahrungen als Erzieher oder als Vater einer Tochter, die vielleicht eine Kita besucht hat, gemacht?
Wir haben eine kleine Tochter, die weiß, dass Jesus in der Kirche lebt und wenn wir an einer Kirche vorbeikommen, will sie immer rein und nach ihm schauen... Ich komme aus einer muslimischen Familie und meine Frau aus einer katholischen. Unsere Tochter soll alles mitbekommen und sich dann selber eine Meinung bilden. Wir wollen ihr das nicht aufzwingen, sondern möchten, dass sie selber eine Chance hat, die Kultur als Bereicherung zu erfahren. Bei uns steht auch nicht so sehr die Religion im Mittelpunkt, sondern Werte, die wir damit verbinden. Und Toleranz ist hier sicher ein gutes Stichwort.
Sie plädieren dafür, dass Bildung nicht nur früher beginnen und länger dauern soll, sondern auch dafür, dass manche Bildungsinhalte oder Werte gegen den Willen der Eltern vermittelt werden müssten. Wie muss man sich dies auf Ebene der Kitas vorstellen?
Ich habe gesagt, die Erziehung der Kinder in unseren Kindergärten und Schulen muss gemeinsam mit den Eltern stattfinden. Wenn in einer Familie aber Werte vermittelt werden, mit denen wir als demokratische Gesellschaft nicht einverstanden sind, dann müssen unsere Bildungseinrichtungen gegebenenfalls auch in der Lage sein, pädagogisch dagegen anzugehen. Ich denke dabei etwa an die Gleichberechtigung von Mädchen, krasse Vorurteile gegenüber anderen Religionen, die nicht vorhandene Wertschätzung von Bildung, wodurch die Zukunft des Kindes gefährdet wird. Ich stelle keinesfalls das von unserem Grundgesetz geschützte elterliche Erziehungsrecht in Frage. Wir sollten nur nicht vergessen, dass auch Kinder Rechte haben. Und wenn wir diese missachten, dann leiden sie ein Leben lang darunter.
Und zum Schluss. Welches war Ihr schönstes Kita-Erlebnis?
Der Bastelabend im Kindergarten von Bad Urach. Wie immer erklärte mir die "Schwester" im Kindergarten genau, was in der schriftlichen Einladung stand, damit ich es meinen Eltern im Einzelnen berichten konnte. Auf dem Weg nach Hause hatte ich leider einige Dinge durcheinander gebracht und berichtete meinem Vater zu seinem großen Erstaunen schließlich, er müsse mit mir gemeinsam am Abend in den Kindergarten. Er, darüber sehr verunsichert, fragte mich mehrfach, ob ich mir ganz sicher sei. Schließlich würden ja gewöhnlich die Mütter in den Kindergarten gehen und Kinder seien doch um diese Zeit längst im Bett. Nie werde ich den Gesichtsausdruck meines Vaters vergessen, als wir gemeinsam den Kindergarten betraten und nicht nur kein einziges Kind dort war, sondern ausschließlich Mütter, die für den Kindergarten bastelten. Mein Vater blickte mich mit versteinerter Miene an und sagte den ganzen Abend kaum ein Wort. Die Damen versorgten ihn dafür mit Kaffee und Kuchen und wunderten sich über die Özdemirs. Seither ist es mir nie mehr gelungen, meinen Vater zu einem Elternabend zu motivieren. Er glaubt bis heute, dass dort deutsche Mütter mit Scheren, bunten Papieren und Klebstoff auf kleinen Rückenschmerz-Stühlen sitzend den Abend verbringen.
Quelle: Evangelische Kitazeitung, 05.10.2009










