Wenn der Ball geschmeidig und schnell durch die Reihen rollt...
03.12.2008: Aus Anlass des UEFA-Cup-Spiels zwischen Hertha BSC Berlin und Galatasaray Istanbul spricht Cem Özdemir mit dem Stadionmagazin "Wir Herthaner" von Hertha BSC Berlin
Herr Özdemir, Berlin erlebt mit der Partie Hertha BSC gegen Galatasaray Istanbul in der Gruppenphase des Uefa-Pokals ein großes Fußballfest im wahrscheinlich ausverkauften Olympiastadion. Was erwarten Sie von dieser Partie?
Natürlich ein schönes und faires Spiel mit vielen Torchancen. Wenn das Spiel so gut ist, dass die Leute im Stadion die Kälte vergessen, dann passt es.
Gerade in Berlin gibt es eine sehr große, sehr umtriebige türkische Community, die in großer Anzahl auch im Stadion sein wird. Wie bewerten Sie unter diesen Voraussetzungen das Zusammentreffen der beiden Traditionsvereine auf der europäischen Fußballbühne?
Es ist immer etwas besonderes, wenn eine deutsche und eine türkische Mannschaft aufeinander treffen, schließlich gibt es enge Beziehungen zwischen beiden Ländern. Aber in erster Linie geht es um das Sportliche: Hertha und Galatasaray sind nicht nur Traditionsvereine, sie haben beide auch den Anspruch, im UEFA-Cup ein Wörtchen mitzureden.
Was wünschen Sie sich besonders am heutigen Abend - von den türkischen und von den deutschen Fans? Welches Zeichen sollte von diesem Spiel heute Abend ausgehen?
Dass man seine Mannschaft während des Spiels leidenschaftlich unterstützen und den Gegner auch mal auspfeifen kann, das gehört schließlich auch dazu - und sich hinterher trotzdem gemeinsam nach Hause aufmachen und im gemeinsamen Kiez etwas trinken kann. Es gibt ja auch türkische Familien in Berlin, wo der Vater Galatasaray die Daumen drückt und der Sohn Hertha-Fan ist. Die müssen sich natürlich auch vertragen...
Integration ist ein wichtiges Wort in unserer Gesellschaft. Kann der Fußball, abseits aller sportlich-fairen Rivalität, einen Beitrag zur Integration leisten?
Sport kann generell einen wichtigen Beitrag zur Integration leisten, wenn es gelingt, Kindern und Jugendlichen Werte wie Toleranz, Fairness und Solidarität zu vermitteln, gerade in den Mannschaftssportarten, wo der Einzelne sich als Teil eines Ganzen verstehen muss. Ich freue mich auch darüber, dass in der U21 ein Mesut Özil neben einem Manuel Neuer und Gonzalo Castro spielt. Das ist auch ein gesellschaftliches Signal. Man sollte den Fußball aber nicht überfordern. Integration und Teilhabe sind immer noch eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung, Sport ist ein Teil davon.
Beschreiben Sie bitte Ihr Verhältnis zum Fußball - was fasziniert Sie an diesem Spiel generell?
Erinnern Sie sich an das Halbfinale Deutschland-Türkei bei der Europameisterschaft? Oder das Halbfinale Deutschland-Frankreich bei der WM 82? Das ist Faszination pur, wie man sie mit Worten nur unzureichend beschreiben kann.
Was fällt Ihnen spontan zu den beiden Vereinen Hertha BSC und Galatasaray ein?
Bei Galatasaray denke ich spontan an Jupp Derwall, der viel für die Entwicklung der Mannschaft und des türkischen Fußballs generell getan hat. Und bei der Hertha denke ich daran, soviel Offenheit sei mir gestattet, dass es mal wieder Zeit für einen Titel ist. Es freut mich für den Verein, dass er diese Saison oben mitspielt.
Wären Sie ein Fußballer - welche Position würde Sie am liebsten spielen - Torwart oder Mittelstürmer?
Ich war mal Handballtorwart und habe deshalb eine hohe Grundsympathie für den Torwart-Posten. In der Freizeit spiele ich aber auf dem Posten des klassischen alten Libero, der hinten ausputzt und nach vorne drängt.
Wobei geraten Sie bei einem Fußballspiel generell ins Schwärmen?
Da unterscheide ich mich nicht von anderen Fans: Wenn der Ball geschmeidig und schnell durch die Reihen rollt und zu einer Chance führt, die grandios vollendet wird.
Es könnte heute Abend einen Sieger und einen Verlierer geben - was wäre Ihre Empfehlung an den einen und den anderen?
Der Sieger soll feiern und der Verlierer Größe zeigen. Entscheidend ist aber, dass sich Spieler wie auch Fans danach die Hand geben und Sportsgeist zeigen.
Bei Hertha BSC wird in der leistungsbezogenen Jugendarbeit großer Wert darauf gelegt, Kinder mit einem Migrationshintergrund einzubinden. Von 200 Spielern bei uns sind über 40 Jugendliche mit diesem Hintergrund vertreten. Integration und Toleranz werden genauso groß geschrieben wie Abschluss der Schulbildung, Nachmittagsbetreuung bei Hausaufgaben und Persönlichkeitsausbildung. Wie bewerten Sie diese Arbeit des Hauptstadtvereins?
Ich begrüße dieses Engagement, das über den Sport hinausgeht. Es ist wichtig, dass die Jugendlichen nicht nur fußballerisch Fortschritte machen, sondern auch eine gute Bildung erfahren und sich charakterlich weiterentwickeln. Davon profitieren sie sowohl auf als auch außerhalb des Platzes.
Und wie ist Ihr Tipp für das Spiel heute Abend?
Hertha gewinnt. Ich tippe auf ein 2:1. Die Mannschaften können ja eine Revanche vereinbaren - das UEFA-Cup-Finale in Istanbul wäre doch eine gute Gelegenheit.
Quelle: "Wir Herthaner", Stadionmagazin von Hertha BSC Berlin, 03.12.2008










