Meine Kindheit...

24.10.2009: Cem Özdemir beschreibt für eine regelmäßige Reihe der Süddeutschen Zeitung seine Kindheit in Bad Urach.

Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie und bin in Bad Urach geboren und aufgewachsen. Ursprünglich kommen meine Eltern aus der Türkei. Sie haben viel gearbeitet, meine Mutter in der Frühschicht, damit ich am Nachmittag nicht allein war, mein Vater in der Wechselschicht. Manchmal habe ich deutsche Freunde beneidet, bei denen immer jemand zu Hause war und die viel mit der Familie unternommen haben. Das war bei uns leider nur am Wochenende möglich, wenn sich die türkischen Familien gegenseitig besuchten. Seit meiner Geburt hatte ich deutsche Tageseltern. Am längsten und intensivsten das Ehepaar Rehm, das ab meinem ersten Lebensjahr nur eine Etage über uns wohnte. Sie haben mich wie ihren Enkel aufgenommen. Für mich waren sie meine deutsche Oma und mein deutscher Opa. Durch ihren Einfluss waren mir Fahrradfahren, Butterbrezeln, Käsespätzle und die schwäbische Sprache alles andere als fremd.

Ich hatte das Glück, in einem sehr offenen Elternhaus groß geworden zu sein. Natürlich gab es auch kleinere Kulturkonflikte: Wie damals üblich, nahmen meine Großeltern freitags das wöchentliche Bad. Nachdem mein deutscher Opa und meine deutsche Oma sich gebadet hatten, kam ich an die Reihe und wurde in dasselbe Wasser gesetzt. Ich werde das verständnislose Kopfschütteln meiner Mutter, nachdem ich ihr von meinem Badeabenteuer erzählt hatte, nie vergessen. Für sie war das unvorstellbar!

Nie ganz verstanden habe ich, warum sich an Weihnachten die Straßen leerten und alle meine Freunde in ihren Wohnungen verschwanden, während ich die Feiertage vor dem Fernseher verbringen durfte. So kam es, dass ich wahrscheinlich alle Passionsfilme mehrfach gesehen habe, da meine christlichen Freunde ihre Feiertage nur im trauten Kreis verbrachten. Bei uns dagegen war an Feiertagen Rambazamba angesagt. Essen, das am Ende des Fastenmonats reichlich zubereitet wurde, war dazu da, mit allen geteilt zu werden; die Herkunft spielte keine Rolle. Überhaupt konnte sich meine Mutter nicht vorstellen, warum deutsche Eltern ihren Kindern verbieten, vor der Glotze zu sitzen oder Süßigkeiten zu essen. Kein Wunder, war der Freitagabend doch ein beliebter Treffpunkt für all die "armen" deutschen Kinder, die bei uns im Wohnzimmer "Männer ohne Nerven" und andere Vorabendserien mit reichlich Schokolade und Knabberzeugs anschauen durften.

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 24.10.2009

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