Der Fußballsport leistet wichtige Integrationsarbeit
15.10.2009: Im Gespräch mit dem Journal des Deutschen Fußball-Bundes spricht Cem Özdemir über die Vorbildfunktion von Nationalspieler Mesut Özil und die wichtige Rolle des Sports für Kinder aus Arbeiterfamilien.
Herr Özdemir, Mesut Özil hat wie Sie türkische Wurzeln. Was empfinden Sie, wenn Sie ihn in der deutschen Nationalmannschaft spielen sehen?
Hoffnung. Auf der einen Seite die Hoffnung, dass sich für junge Menschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland immer mehr Türen öffnen, wie hier im Sport, aber auch in der Wirtschaft und Politik. Auf der anderen Seite auch die Hoffnung, dass sich junge Menschen mit Migrationshintergrund selbst immer stärker mit dem Land identifizieren, in dem sie leben, und sich bewusst dafür entscheiden, sich mit ihren persönlichen Fähigkeiten und Stärken in unsere Gesellschaft einzubringen - wie es Mesut Özil mit seiner Entscheidung für die deutsche Nationalmannschaft getan hat.
Auf dem Fußballplatz spielt seine Herkunft keine Rolle. Ist der Sport und speziell der Fußball im Umgang mit dem Thema Integration weiter als andere Bereiche der Gesellschaft?
Wir dürfen den Sport nicht überfordern, aber ich glaube, dass er und gerade auch der Fußball einen sehr wichtigen Beitrag für die Integration leisten. Außerdem haben gerade Kinder aus Arbeiterfamilien oft leichteren Zugang zu Fußball- und Sportvereinen als zu anderen Freizeitangeboten, die entweder viel Geld kosten oder meist nur von Eltern mit hoher eigener Schulbildung für ihre Kinder genutzt werden, wie zum Beispiel Musikunterricht. Insofern ja, der Sport leistet hier sehr viel.
Dennoch, eine Gesellschaft ohne Ausgrenzung und Diskriminierung bleibt eine weit entfernte Idealvorstellung. Was kann eine Integrationsfigur wie Mesut Özil zu einem toleranteren Miteinander beitragen?
Das stimmt, wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Spieler wie Mesut Özil sind besonders deshalb so wichtig für eine tolerante Gesellschaft, weil es für die Kinder und Jugendlichen von heute, die mit unserer Nationalmannschaft mitfiebern, einfach ganz normal sein wird, dass einer der Spieler Mesut heißt. Haben Sie als Kind nicht auch Fußballbildchen gesammelt? Wenn bald tausende kleiner Sammler in Deutschland zur Vervollständigung ihrer Sammlung "einen Mesut" haben wollen, dann ist das eine runde Sache.
Sport braucht Stars, um die Jugend zu erreichen und Ideale zu transportieren. Braucht die Integration auch solche Helden?
Vorbilder sind immer hilfreich. Echte Teilhabe braucht vor allem neue Ideen, Anstrengungen und auch Investitionen, damit die Kinder so früh wie möglich Zugang zu einer breiten Palette von Sport-, Freizeit- und Bildungsangeboten haben. Erfolgreiche Spieler wie Mesut Özil können deutsch-türkische Kinder ermutigen, ihren "Helden" nachzueifern und diese Angebote auch zu nutzen. Das macht auch den Familien Mut und zeigt ihnen, dass auch sie und ihre Kinder es nach oben schaffen können.
Gerade in sozial schwachen Gegenden versucht der DFB beispielsweise durch den Bau von Mini-Spielfeldern an der Basis integrativ zu wirken. Wie bewerten Sie diesen Ansatz und Weg?
Das ist genau die richtige Strategie. Gerade Jugendliche, die in solchen Gegenden aufwachsen, brauchen solche Angebote. Aber das Engagement des DFB allein reicht natürlich nicht aus. Mir ist zum Beispiel ein besonderes Anliegen, dass wir vor allem in sozial schwachen Gegenden den Ausbau von hervorragend ausgestatteten Ganztagsschulen vorantreiben, die Jugendlichen aus ärmeren oder bildungsfernen Familien ein breites Angebot von Sport- und anderen Freizeitangeboten machen. Und ich möchte ausdrücklich betonen: Es geht hier nicht nur um türkischstämmige Kids, sondern um alle, die aus benachteiligten Familien stammen.
Glauben Sie, dass es irgendwann für jeden eine Selbstverständlichkeit sein wird, dass Spieler wie Mesut Özil für Deutschland spielen?
Ja, das glaube ich. Warten wir mal die WM 2010 ab. Vielleicht kann sie ein weiterer Schritt sein.
Die integrative, soziale und gesellschaftliche Arbeit mit dem Fußball muss aber nach Ansicht des DFB ein kontinuierliches, langfristiges Projekt bleiben.
Das muss sie. Unsere Gesellschaft braucht die wichtige Integrationsarbeit, die im Sport und besonders im Fußball geleistet wird. Übrigens: Noch mehr braucht der Fußball die Integration! Mit weiteren talentierten Nachwuchsspielern wie Mesut Özil können wir auch wieder Titel gewinnen. Die U 21-Nationalmannschaft hat es mit dem Gewinn der Europameisterschaft gerade vorgemacht.
Die Fragen stellte Ralf Köttker.
Quelle: Journal des Deutschen Fußball-Bundes, September 2009










