Integration umfasst auch emotionale Identifikation
27.06.2010: 11 von 23 Spielern in Joachim Löws Kader haben einen Migrationshintergrund, darunter Khedira, Boateng oder Özil. Was bedeutet es für die Integration von Migranten in unserem Land, wenn quasi "ihresgleichen" den Adler auf der Brust trägt? Ein Gastbeitrag von Cem Özdemir in der Welt am Sonntag.
Deutschland vor 20 Jahren: Die Weltmeister heißen Matthäus, Brehme, Buchwald, Klinsmann oder Völler. Kurz darauf kommt die Wiedervereinigung. Mit Spielern wie Matthias Sammer oder Thomas Doll wird aus einem westdeutschen Kader eine gesamtdeutsche Mannschaft. Seither hat sich nicht nur Deutschland verändert, sondern auch das Gesicht unserer Nationalmannschaft. Stellvertretend dafür stehen "junge Wilde" wie Khedira, Boateng oder Özil. Sie alle haben einen Migrationshintergrund, wie insgesamt die Hälfte des Kaders von Joachim Löw.
Diese Kinder von ehemaligen Gastarbeitern, Aussiedlern oder binationalen Eltern repräsentieren mit Teamkollegen wie Lahm, Müller und Schweinsteiger Deutschland in Südafrika vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Was bedeutet es für die Integration von Migranten in unserem Land, wenn quasi "ihresgleichen" den Adler auf der Brust trägt?
Integration umfasst auch die emotionale Identifikation mit dem Land, in dem Migranten und ihre Kinder leben. Integration braucht auch Vorbilder. Es war daher ein Glückfall, dass Mesut Özil sich bewusst für Deutschland entschieden hat.
Dieser Schritt war mutig von ihm, weil der eine oder andere Türke ihn zum "Verräter" abstempeln könnte. Wenn stattdessen türkischstämmige Jugendliche Deutschlands Sieg über Ghana feiern, dann auch deshalb, weil Mesut Özil dazu beigetragen hat, dass sie sich in dieser Mannschaft wiederfinden.
Ohnehin leistet Sport wichtige Integrationsarbeit. Der Fußballverein ist ein idealer Ort, um Kinder unterschiedlicher Herkunft und aus Arbeiterfamilien zusammenzubringen. Die Wege sind kurz und die Mitgliedschaft günstig im Vergleich zu anderen Freizeitangeboten. Im Spiel bekommen die Kinder - die richtige pädagogische Begleitung vorausgesetzt - fairen Wettbewerb und Werte vermittelt, die wichtig sind für ihre Persönlichkeitsentwicklung. Trotz all dieser Chancen und Vorzüge darf der Sport aber auch nicht überfordert werden, indem ihm Verantwortung zugeschrieben wird, die Politik übernehmen muss. Schließlich hatte auch Frankreich 1998 eine bunte Mannschaft, wenige Jahre später folgten die Unruhen in den Banlieues, ganz zu schweigen vom Auftreten der zerstrittenen Equipe Tricolore in Südafrika.
Doch nicht nur das Gesicht unserer Nationalmannschaft hat sich verändert, sondern auch ihr Spiel. Das ist auch der ausländischen Presse nicht verborgen geblieben, die Deutschland angesichts ihrer kraftbetonten Spielweise in der Vergangenheit martialisch und zugleich ehrfurchtsvoll mit einem "Panzer" verglich. Die italienische Tageszeitung "La Stampa" musste denn auch angesichts des virtuosen Auftakts gegen Australien ihr Deutschlandbild korrigieren - und sprach von einem "multiethnischen Panzer mit vortrefflichen Füßen".
Man muss kein Experte sein, um zu erkennen, dass im internationalen Fußball heute mehr verlangt wird als die berühmten deutschen Tugenden. Kampf, Wille und Disziplin sind nicht weniger wichtig geworden, vielmehr gehören sie heute zum Standardrepertoire jeder erfolgreichen Mannschaft. Diese Grundlage ist in Deutschland seit jeher vorhanden - was in regelmäßigen Abständen jedoch fehlte, waren Spielwitz und technische Raffinesse.
Gerade das blamable Ausscheiden in der Vorrunde bei der Europameisterschaft 2000 war ein heilsamer Schock, der die Aufmerksamkeit auch auf die zahlreichen Talente mit Migrationshintergrund im Land lenkte. Heute sind sie fester Bestandteil aller DFB-Jugend-Nationalmannschaften. Die Vielfalt der Herkunft und Charaktere ist erfolgreich - die Mannschaft der unter 17-Jährigen wurde ebenso Europameister wie die U-19- und U-21-Auswahlteams. Einem neueren Einwanderungsland wie Italien steht die Integration von jungen Spielern anderer Herkunft erst noch bevor.
Mesut Özil hat den Fußball natürlich nicht neu erfunden, Deutschland hatte auch früher schon kreative Spieler wie Netzer, Overath oder Häßler. Sie haben das Spiel auf der Straße gelernt und im Verein verfeinert. Vielleicht liegt genau hier eine Besonderheit unserer Spieler mit nicht-deutschen Wurzeln. Typen wie Özil und Podolski sind, ohne es zu romantisieren, noch echte Straßenfußballer. Wenn die Schule zu Ende war, ging es auf den Bolzplatz.
Diese Spieler können mit ihrer individuellen Klasse und spielerischen Leichtigkeit den Ausschlag geben. Voraussetzung hierfür ist aber, dass ihre Talente erkannt und professionell gefördert werden. Hier haben der DFB und die Vereine, im Gegensatz zu unserem Bildungssystem, in diesem Jahrzehnt sehr gute Arbeit geleistet - die sich heute gegen England hoffentlich abermals auszahlen wird, ganz egal, wer die Tore schießt.
Quelle: Welt am Sonntag, 27.06.2010










