Erschreckende Kälte
06.03.2005: Die Türkei muß über ihren Umgang mit den Armeniern nachdenken. Ein Gastkommentar von Cem Özdemir in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
"Es gibt in der Türkei eine offizielle Geschichte und eine tatsächliche", so der verstorbene türkische Kolumnist Yavuz Gökmen. Die staatsgesteuerte türkische Geschichtsschreibung hatte vor allem eine Funktion: die Schaffung einer neuen Nation. Von einer unabhängigen, ausgewogenen Geschichtsschreibung konnte die Rede kaum sein. Eine wesentliche Aufgabe von Historikern bestand darin, unaufhörlich die These zu erhärten, die türkische Kultur und die türkische Sprache gehörten zu den ältesten der Welt. Der Staat steckte den ideologischen Rahmen ab, die Geschichtsschreiber sorgten für die gewünschten Fakten.
Eine Neubewertung der im Jahr 1915 von Türken an den Armeniern begangenen Verbrechen ist zwar kein formelles Kriterium für den anvisierten Beitritt des Landes zur Europäischen Union. Dennoch wird die Türkei nicht umhinkommen, sich selbstkritisch mit den dunklen Kapiteln ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Anfangs wollte Ankara nicht einmal anerkennen, daß da überhaupt etwas stattgefunden hat. Zwar beginnt inzwischen der Beton in den Köpfen etwas zu bröckeln, und man spricht von gegenseitigem Leid. Aber auch oder gerade dann bleibt es bemerkenswert, daß es bislang nur ein Mahnmal für die ermordeten Türken an der Grenze zu Armenien gibt - eine Stätte der Trauer für die massenhaft getöteten Armenier sucht man vergebens. Spricht man mit Repräsentanten der offiziellen Linie, so staunt man über einen unglaublichen Mangel an Empathie. Auch wenn sich die Türkei weigert, den Völkermord anzuerkennen: Die Kälte, mit der diese Position mitunter vertreten wird, ist erschreckend.
Die armenische Seite spricht in dieser Auseinandersetzung nicht mit einer Stimme. Denn im Verhältnis zum türkischen Staat gibt es unterschiedliche Interessen. Für viele Diaspora-Armenier muß eines erfüllt sein, bevor ein Dialog beginnen kann: Der Staat müsse bedingungslos anerkennen, sich des Völkermords schuldig gemacht zu haben. Die armenische Regierung will zwar ebenfalls eine Aufarbeitung der Geschichte, gleichzeitig aber auch die dringend notwendige Öffnung der Grenze, um die wirtschaftliche Isolation zu überwinden. Leider spielen die in der Türkei lebenden Armenier in der Debatte jedoch kaum eine Rolle. Diese versuchen gemeinsam mit kritischen türkischen Historikern und Intellektuellen wie Halil Berktay und Taner Akcam, die Geschichte nach internationalen wissenschaftlichen Standards aufzuarbeiten. Sie bemühen sich auch, Brücken der Verständigung zu bauen - stets mißbilligend beäugt von türkischen Ultranationalisten, aber auch von Teilen der armenischen Diaspora.
Andere prominente türkische Armenier wie der Publizist Etyen Mahcupyan sehen sich ausdrücklich als Teil der türkischen Demokratie- und Menschenrechtsbewegung. Sie wollen die Türkei durch die Heranführung an die EU in eine "zweite Republik" umwandeln. Sie wollen eine Türkei, die ihre Schulbücher überarbeitet, in denen bisher ethnische und religiöse Minderheiten entweder gar nicht oder völlig verzerrt vorkommen; eine Türkei, an deren Schulen Toleranz vermittelt und selbständiges Denken gefördert wird.
Es fällt dem türkischen Staat und Teilen der Gesellschaft offenkundig sehr schwer, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen. Aber wäre es denn glaubwürdig, wenn die höchsten Repräsentanten der Türkei die Armenier morgen um Verzeihung bäten - um anschließend wieder zur Tagesordnung überzugehen? Die kritische Arbeit etwa von Hrant Dink, Chefredakteur der türkisch-armenischen Wochenzeitung "Agos", trägt Tag für Tag mehr zu einem Bewußtseinswandel der Türkei bei als manch gutgemeinter Beschluß eines westlichen Parlaments. Genau diese demokratischen Kräfte in der Türkei sollten von Europa unterstützt werden. Denn es geht nicht nur um die Erfüllung europäischer Normen und Standards - die Türkei muß sich auf ihrem Weg nach Europa auch gesellschaftlich weiterentwickeln, und der Umgang mit der eigenen Geschichte ist dafür ein Gradmesser. Geschichte und ihre Interpretation sind keine exklusive Aufgabe des Staates, sondern der ganzen Gesellschaft. Auch deshalb ist es begrüßenswert, daß seit kurzem türkische und armenische Wissenschaftler der Diaspora zu einem - wenn auch schwierigen - Dialog zusammenkommen.
Deutschland kann hier eine aktive Rolle spielen. Unsere Geschichte, auch die als Verbündeter des Osmanischen Reichs im Ersten Weltkrieg, zeigt, daß die umfassende Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit nicht nur schmerzhaft ist. Sie ist unerläßlich auf dem Weg in eine wirklich demokratische Gesellschaft. Bei der Entwicklung ihrer Erinnerungskultur, die der Einsicht in die eigene Geschichte folgt, können wir die Türkei unterstützen und zur Aussöhnung beitragen.
Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 06.03.2005










