Eben nicht Gustav oder Eberhardt

15.03.2010: Cem Özdemir über antimuslimische Stereotype, Thilo Sarrazin als Gesprächspartner und das Aufrappeln nach dem Sturz. Ein Gespräch mit dem Berliner Obdachlosenmagazin Straßenfeger.

Der Kleiderständer im Vorraum ist angenehm unperfekt. Bei einseitiger Belastung kippt er bedrohlich Richtung Boden. Die Begrüßung ist freundlich, aber distanziert. Der Vorsitzende der Bündnis-Grünen wirkt im Interview in sich gekehrt, seine Hände umfassen einen Teepott. Seine Formulierungen sind präzise und druckreif, nicht immer antwortet er auf die gestellten Fragen. Die Momente, in denen die Besucherin die Fragen stellt, nutzt der Interviewte, um sich Tee mit Milch aus einer Thermoskanne nachzugießen.Nach 45 Minuten klopft der Büroleiter an die Tür und drängt zum nächsten Termin.

strassenfeger: Haben Sie schon einmal den strassenfeger gekauft?

Cem Özdemir: Ich kaufe ihn gelegentlich, wenn ich zur Post gehe. Da steht nämlich immer jemand und verkauft ihn.

sf: Warum gibt es ganz offensichtlich nur wenige türkische Obdachlose beziehungsweise wohnungslose türkische Menschen in Berlin?

Cem Özdemir: Gute Frage, wenn es denn so ist. So genau weiß ich das nicht. Ich könnte es mir dadurch erklären, dass die familiären Auffangstrukturen noch ein bisschen besser funktionieren.

sf: Gibt es denn in Istanbul obdachlose Menschen?

Cem Özdemir: Natürlich! Es gibt in Istanbul leider viele Kinder, die auf der Straße leben. Häufig sind sie von zu Hause weggelaufen, weil die Familienstruktur völlig kaputt ist und sie vor Gewalt fliehen oder weil sie zu Hause niemanden haben, der sich um sie kümmert.

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Zugehörige Dateien:
2010 03 Interview Strassenfeger Ausgabe März.pdfDownload (176 kb)
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